Netzroman zieht um

Guten Abend,

aus unterschiedlichen Gründen muss dieses Projekt umziehen. Weitergeführt wird der Netzroman auf https://www.paulagrimmsschreibwerkstatt.de. Auf einer eigenen Seite der Homepage findet ihr alles, was bisher als Erstversion fertig ist. Weitere Kapitel gibt es im Blog der Webseite. Ab dem 01. Juni wird dieser Blog nicht mehr verfügbar sein.

Ich hoffe, dass ihr mein neues Projekt besucht, und dass es euch gefällt. Über Kommentare aller Art freue ich mich natürlich!

Liebe Grüße

Paula Grimm

Fortsetzung von über den Inkubator Lici2000 und andere Dingzustände

0009. Hohlburg, Mittwoch, 01. März 2000

Heute fange ich vielleicht etwas zu spät mit dem Schreiben an. Aber da ich eigentlich nur die Frage, die sich mir gestern gestellt hat, beantworten will, könnte die Zeit doch noch reichen. Denn warum gerade die Sexarbeit die Dingzustände, in die ich immer wieder gerate, zurückgedrängt hat, ohne selbst einen Dingzustand hervorgerufen zu haben, ist einfach zu beantworten und zwar mit einer Hand voll Gründen.

Der Grund für die Verspätung war meine Lektüre. Die Märchen aus tausendundeiner Nacht mussten gestern und heute liegenbleiben. Ich habe der Vater eines Mörders von Alfred Andersch gelesen. Das solche Bücher einen Weg in Haftanstalten finden? Oder hat es sich hierher verirrt? Ich bin sicher, dass jede und jeder Gefangene, der oder die lesen kann, die Demütigungen versteht, die dem Schüler zugefügt werden und lebhafte Eindrücke von dem bekommt, was über die persönliche Geschichte des beschriebenen Schülers bekommt, die in diesem Buch beschrieben werden. Wie groß der Einfluss der Systeme Familie und Schule auf Menschen ist, ist wohl überhaupt nicht klar. Aber dass das Leben in der Schule überhaupt einen Einfluss hat, ist eine Tatsache, die man nicht übersehen kann, gerade ich nicht. Die Schule ist ein spannendes Thema. Was sich geändert hat, was immer gleich bleibt et c. Doch darum kann ich mich jetzt nicht kümmern. Und keine, die hier brummt, war nicht irgendwann auch mal in der Schule.

Für mich waren die Grundschule in Holt und die beiden Jahre im Gymnasium Brutstätten für Dingzustände, so wie schon der Kindergarten eine Quelle von Dingzuständen gewesen war. Lici die Rechtschreib- oder Rechenmaschine an der Tafel, das abschreckende Beispiel beim Bodenturnen, das Gerät zum Putzen der Tafel oder zum Aufräumen der Klasse oder des Schulhofs, waren Dingzustände, in die mich Erzieher und Lehrer mit wohlwollender Unterstützung der Kinder in meiner Gruppe, auf dem Spielplatz und später der Mitschüler versetzten. Man sagt: „Kinder können grausam sein!“ ich denke: „Kinder lernen schnell gerade auch, was alle Arten von Grausamkeit und Unterdrückung angeht und wenden das Gelernte dann ungezügelt an.“ Es nützte mir nichts, dass ich ebenfalls lernte, lernte mich trotz meiner Größe und meines auffälligen Aussehens unauffällig zu verhalten. Schließlich ist es unmöglich sich unsichtbar zu machen und über Jahre ganze Vormittage lang unbemerkt zu bleiben. Körperlich anwesend sein zu müssen, weil man eben lebt, ist oft schon Strafe Oder Leid genug.

Dass eine Menschenmenge oder doch eine größere Gruppe von Menschen eine Quelle für Dingzustände ist, ist wohl ein Grund dafür, warum die Sexarbeit keinen eigenen Dingzustand verursacht hat. Wäre ich dazu genötigt gewesen, als Stripperin oder Gogotänzerin zu arbeiten, wäre mindestens ein weiterer Dingzustand zu all denen, die ich schon kannte, dazu gekommen. So war es mir immer möglich Freier auf der Straße oder in Bars anzusprechen, wurde nie als Einzige von Dingblicken ins Auge gefasst, hatte es meistens nur mit einem persönlich zu tun und bei den einzelnen Aufträgen, bei denen ich es mit zweien oder einmal auch mit drei Männern zu tun bekam, war es meine eigene Entscheidung gewesen, die Aufgabe auszuführen und den Ablauf zu bestimmen. Obwohl ich natürlich nicht tun und lassen konnte, was ich wollte, auch wenn ich auf eigene Rechnung arbeitete, konnte und musste bei jedem Geschäft eigenverantwortlich entscheiden und handeln.

War die Arbeit selbst fast ausschließlich körperlich war die Annahme und Hingabe zur Sexarbeit von Anfang an von allen Fasern meines Seins mit bestimmt. Als ich meine Arbeit als Dienstmädchen in einem großen Hotel aufgab, da mein Lohn nicht reichte, um für Lolas Krebsbehandlung aufzukommen, bestand der größte Teil meiner Gefühle aus dem Pflichtgefühl meiner „zweiten Mutter“ zu helfen. Doch noch lange nicht jedes Mal ist das Pflichtgefühl eine unnötige Last. Und das Pflichtgefühl wurde in diesem Fall von Dankbarkeit und Liebe begleitet. Ich fühlte mich nicht vollkommen sicher, geborgen und beschützt. Nichts und niemand kann einem anderen vollkommenen Schutz bieten. Aber in den vier Jahren, in denen ich in Spanien gelebt hatte, war der Kontakt vor allem zu Lola und Angustinas nie abgerissen. Und sie hatten mich nie in Stich gelassen, auch nicht als im September 1990 die Albträume mich erleben ließen, was meine beiden Cousins und ihr Bekannter mit mir gemacht hatten, nachdem sie mir K.O.-Tropfen in die Cola geschüttet hatten. Sie waren einfach da.

Den Nutten, die ich über Lola kennengelernt hatte, war nichts Menschliches Fremd und das war das beste Mittel gegen alle Dingzustände. Dass ich häufiger von meinen Kampfsporterfahrungen Gebrauch machen musste, war kein Nachteil sondern ein Bonus, der mir gerade am Anfang half Selbstvertrauen für die körperbetonte Arbeit zu schöpfen, mir Respekt zu verschaffen, mich in diese Gesellschaft einzufügen. Und es war gut, dass auch der wehrhafte Teil im Millieu funktionierte. Herzlichen Dank Herr Oe für die gute Ausbildung in ihrer Kampfsportschule in Holt!

Und der Erfolg, den ich in meinem Job hatte, war auch ein Grund dafür, dass Dingzustände aller Art gebannt wurden. Was diesen Erfolg zu einer nützlichen Waffe gegen Dingzustände machte, waren zwei Sachen. Ich durfte den Erfolg sofort erleben. Wenn ich unverschämte Schweine aus dem Revier vertrieb, war das direkt klar. Und wenn ich meinen Job gut machte, gab es gleich den Lohn, nicht selten mit einem kleineren oder größeren Aufschlag. Das Beste war, ich musste keine Energie darauf verschwenden meine Erfolge zu teilen oder mitzuteilen, was man in der Schule im Klassenverband immer tun muss, wenn man die lächerlichen Erfolge, die man in einem Klassenzimmer haben kann, ein Bisschen genießen will.

Auf den ersten Blick ist es grotesk, dass ein Job, in dem ein Mensch ganz offensichtlich zum Objekt, zum Objekt der Begierde wird, davor schützt ein Ding zu sein. Unter Berücksichtigung der Tatsache, dass Extreme und Gegensätze immer Merkmale des Gegenteils und von allem, was zwischen diesen beiden Extremen liegt, an sich haben und zeigen, dann ist es überhaupt nicht mehr grotesk sondern logisch, dass man, wenn man ein Ding der Begierde ist, sein Menschsein erlebt und entwickelt. Wie ich auf diese Philosophie komme? Durch Gespräche mit Leo Weltz, dem Freier, der ganz schnell, im Grunde direkt, mein väterlicher Freund wurde und mich scherzhaft Floria oder sogar Heloise nennt.

In dem der Siegbert von Säbelschaft mich geleimt und mir seine Gene aufgedrängt hat, hat er mir die fast dingzustandsfreie Zeit genommen. Nicht nur, weil er ein neues Ding, Inkubator Lici 2000, geschaffen hat. Das ist schlimm. Doch es ist nicht so schlimm, dass es mich als Menschen vollkommen zerstören wird. Das schlechte Beispiel, die Rechtschreib- und Rechenmaschine haben mich ja auch nicht ganz zerstören können. Und eins ist noch sehr wichtig, es ist nicht nur Siegberts Programm Inkubator Lici 2000, der verhindert, dass ich eine richtige Mutter bin. Dieser neue Dingzustand ist die Folge aus der Tatsache, dass ich keine richtige Mutter bin, weil ich kein Kind war. Es braucht keine Mutter, die als solche bezeichnet werden kann, damit man Mutter werden kann. Man muss ein Kind gewesen sein. Mir ist längst klar, dass meine Mamita, meine Großeltern und meine Patinnen den Menschen Felicitas gerettet haben. Aber meine Kindheit konnten sie nicht retten. „Geht das?“ – „Ja, das geht. Und Inkubator Lici 2000 und alle anderen Dingzustände, die aber nicht unumschränkt über mich herrschen, sind Beweise dafür!“

Du möchtest wissen, wie das Buch anfängt? – Hier geht’s lang:

Etwas Blaues braucht die Fee

Und hier findest du verschiedene Buchquellen, bei denen der erste Felicitasroman verfügbar ist:
Felicitas im Handel

Über den Inkubator Lici2000 und andere Dingzustände

0008. Hohlburg, Dienstag, 29. Februar 2000

Einfach so daliegen ist nicht mehr. Denn einfach so daliegen ruft oft den neuen Dingzustand hervor. Seit dem Abend, an dem ich Siegbert von Säbelschaft zum letzten Mal lebend begegnet bin, gibt es den Dingzustand Inkubatormodell Lici2000.Von ihm Lici genannt, wie ein Ding angesehen und durch sein Experiment geschwängert bin ich der Brutkasten für eines seiner Kinder, Inkubator Lici2000. Dieser Dingzustand übertrifft die Wirkung aller anderen Dingzustände, die ich bislang kennengelernt habe.
Ich weiß gar nicht, wie viele Dingzustände ich inzwischen kenne. In Situationen einfach nur zu funktionieren, ohne etwas zu fühlen, ist mir in nahezu unzähligen Varianten bekannt. Von Vertrautheit kann selbstverständlich keine Rede sein. Vertrautheit hat mit Vertrauen und damit mit einem Gefühlston zu tun. Und fühlen im Sinne von empfinden kann ich in nie, wenn ich wie ein Ding bin. Meine Sinne funktionieren wie bei Apparaten, die zum Beispiel einen mechanischen Prozess auslösen, wenn sie mit einem bestimmten Gewicht beladen werden, eine bestimmte Menge Wasser fließt etc. Und bei vielen Dingzuständen weiß ich inzwischen, dass auch die Notprogramme Plan-B usw. funktionieren. Erkenntnisse über die Dingzustände kommen nicht durch die Anwendung wissenschaftlicher Methoden wie zählen oder Zeitmessung. Was ich über die einzelnen Dingzustände weiß, zeigen mir die Gefühle, die ich direkt vor oder nach einem Dingzustand habe und Träume, in denen die Dingzustände vorkommen, in denen die Dingzustände aber um Gefühle ergänzt werden. Träume sind ergiebiger als das Erleben der Übergänge in und aus Dingzuständen. Das Problem ist nur, dass ich die Träume nicht bewusst hervorrufen kann, wenn ich etwas über einen Dingzustand wissen will. So wird es seine Zeit dauern, bis ich Genaueres über den Dingzustand Inkubator Lici2000 wissen werde. Und es ist kein Trost, dass so eine Schwangerschaft nur 40 Wochen dauert. Schließlich kann ich nicht wissen, wie oft ich Inkubator Lici2000 sein werde, wie oft ich also die Übergänge in und aus diesem Dingzustand erleben muss und wie oft ich davon träumen und wirklich etwas verstehen darf.

Heute Vormittag musste ich meine Kreise allein über den Hof ziehen. Denn Valeria, die Einzige, die mit mir redet, hatte einen Gerichtstermin. Alle anderen Häftlinge, die derzeit hier in U-Haft sind und die meisten Leute des Wachpersonals haben mich mit einem Dingblick im Auge. Und wie so oft traf mich heute morgen ein Gemisch von inspizierenden und kontrollierenden Dingblicken. Und so schaltete sich, als ich ungefähr eine Viertelstunde gegangen war, Inkubator Lici2000 ein. Mit einem Mal registrierte ich nur noch und überdeutlich die Regelmäßigkeit des Atems, des Herzschlags und des Blutflusses. Dabei wechselten die Wahrnehmungen der Vorgänge einander wie einem bestimmten Plan folgend ab als ob eine Funktionsüberprüfung durchgeführt wurde. Dabei ging ich weiter über den Hof, was zum Dingzustand Inkubator Lici2000 gehört. Denn Bewegung ist menschlichem Nachwuchs förderlich, gleichgültig, in welchem Entwicklungsstadium der Mensch gerade ist.

In jeder Phase dieses Funktionschecks des Inkubators Lici2000 registrierte ich die Gebärmutter als einen pulsierenden Punkt, von dem ein fortwährender Sog ausging. Es war kein heftiges Pulsieren und Saugen. Doch dieses Pulsieren und der Sog waren deutlich genug, dass sie einfach registriert werden mussten. Und heute löste die Registrierung dieses Punktes endlich eine Frage aus, nachdem sich Inkubator Lici2000 nach ungefähr 20 Minuten plötzlich wieder abschaltete. „Wie soll das werden, wenn die Entwicklung weitergeht, werde ich dann aus- oder weggesaugt, vom Pulsieren hin und her geschleudert oder was?“ Es gilt abzuwarten, wie diese Frage im Verlauf der Entwicklung und der Arbeit von Inkubator Lici2000 beantwortet werden muss.

Wider erwarten macht es mich nicht wütend, dass Siegbert von Säbelschaft posthum den Brutkasten bekommen hat, den er haben wollte. In mir breitet sich Verzweiflung aus. Das will jetzt noch gar nichts heißen. Inkubator Lici2000 hat noch lange nicht seine Arbeit getan. Und es wird nicht aufhören, dass vor allem dieser Dingzustand durch Dingblicke und den „akustischen Befehl Lici“ ausgelöst wird.

Früher hatte ich einmal die Idee, dass die Dingzustände auch Vorteile haben, zum Beispiel, da es gut sein kann, wenn Gefühle ausgeschaltet sind und damit eine Situation einfacher sein kann. Inzwischen weiß ich, dass die Vorteile eines jeden Dingzustandes sich nicht von selbst ergeben sondern immer wieder neu erarbeitet werden müssen. Und was das Abschalten der Gefühle betrifft, schlagen diese bei Bedarf zurück. Dass sie irgendwann nach einem Dingzustand umso heftiger werden, liegt wohl daran, dass sie nur zeitweilig abgeschaltet aber nicht abgeschafft werden und dadurch später zu ihrem Recht kommen.

An eine Zeit ohne Dingzustände kann ich mich überhaupt nicht erinnern. Aber die Jahre, in denen ich als Sexarbeiterin tätig war, brachten keine neuen Dingzustände hervor und nur ganz selten wurde einer der Dingzustände, die ich aus Kindertagen kannte, ausgelöst. Bis jetzt habe ich diese Tatsache nicht erkannt. Und jetzt, wo es mir einfällt, halte ich inne. Jede Einzelheit, die ich erkennen kann, ist wichtig. Also muss ich zumindest die Frage, die mir in den Sinn kommt, aufschreiben, bevor ich die Kladde schließe, weil Schlafenszeit ist. „Warum hat meine Arbeit, bei der ich auch schon vor der Zeit mit Siegbert nur ein Objekt der Begierde war, keinen eigenen Dingzustand verursacht und die Dingzustände eingedämmt?“

Du möchtest wissen, wie das Buch anfängt? – Hier geht’s lang:

Etwas Blaues braucht die Fee

Und hier findest du verschiedene Buchquellen, bei denen der erste Felicitasroman verfügbar ist:
Felicitas im Handel

Fortsetzung 3 von Siegbert von Säbelschafts Experiment an Professionellen

Eine gute Mahlzeit hält Leib und Seele zusammen oder bringt sie wieder zusammen. Das weiß man doch. Und so viel stand fest. Nicht nur ich würde heute eine gute Mahlzeit brauchen, die Leib und Seele zusammenhalten konnte. Ich warf einen Blick in den Kühlschrank. Der war wie immer gut gefüllt. Nur feine Sachen wie Balsamicoessig, ein Stück Kalbsrücken hatte Siegbert eingekauft oder einkaufen lassen. Alles viel zu fein für meine Zwecke. Wir brauchten etwas richtig Solides. Denn mehr als eine üppige Mahlzeit und eine Aussprache würde es heute nicht geben. „Endivienuntereinander in der ganz rustikalen Variante mit Speck!“, dachte ich wäre genau das Richtige.

Also verließ ich noch einmal die Wohnung, um einkaufen zu gehen. In den beiden Supermärkten in der Nähe gab es keine Endivien. Erst in dem kleinen Gemüseladen hatte ich Glück.

Als ich Siegberts Wohnung wieder betrat, wurde mir schlagartig bewusst, dass ich die Wohnung in gewisser Weise besetzen musste, um mir Platz zu schaffen, damit ich bei dem, was ich vor hatte, meinen Standpunkt würde behaupten können. Die besten Möglichkeiten eine Umgebung im eigenen Sinn zu verändern sind Gerüche und Klänge. Also hatte ich mit dem Essen schon einen guten Anfang gemacht. Ein mir wohlgekannter Duft, den ich liebte, den Siegbert nicht erwartete würde in der Luft liegen. Dann fiel mir ein, dass ich immer mehrere CDs und einen Diskman in meinem Rucksack hatte. Also ging ich zu meinem Rucksack, nahm Life in Argentinien von Mercedes Sosa heraus und schob die Scheibe in den CD-Player der kleinen Stereoanlage in der Küche. Es war zehn vor sechs, als Siegbert die Treppe heraufpolterte. Ich wischte mir die Hände an der Schürze ab, ging zur Stereoanlage und schaltete die CD ein.

Als die Tür ins Schloss fiel, rief ich leutselig: „‚nabend!“ Und die Art, wie er nicht antwortete, bestätigte, was ich schon gehört hatte, während der die Treppe hinauf gekommen war. Siegbert hatte keinen guten Arbeitstag gehabt. Er war zwar wütend aber irgendwie auch niedergeschlagen. Das war gut für mich. Denn es ersparte mir die Mühe ihn vom hohen Ross herunterzuholen. Gegen je weniger Selbstüberhebung, Selbstherrlichkeit, zur Schau getragenen Stolz ich kämpfen musste, desto besser war es für mich.

Das Lied vom Erntearbeiter, bei dem Mercedes Sosa ihre Stimme laut erschallen lässt und mit der speziellen Sound des Bandoneons war genau der richtige Klangteppich, um ihn mit dem veränderten Klima in dieser Wohnung zu konfrontieren, ihn in Empfang zu nehmen. Ich hörte, wie er zögerte, bevor er die Küche betrat.

„Was ist das für ‚ne Hottentottenmusik?“ „das kommt nicht aus Südafrika sondern aus Argentinien!“ „Ist mir egal, wo das herkommt! Kannst du das nicht abschalten?“ Darauf antwortete ich nicht. Was ich abschaltete, war der Herd. Plötzlich fiel mir auf, dass ich Siegbert den Rücken zukehrte, und dass das nicht gut war. ER war reizbarer als ich, und er war kein guter Kämpfer. So würde er nicht die geringsten Skrupel haben, mir in den Rücken zu fallen. Dass die Alarmglocke in meinem Kopf schrillte, war gut, obwohl er noch nicht richtig wütend war. Ich ließ mir nichts anmerken, füllte die beiden Teller mit Endivienuntereinander und trug sie zum Tisch. Das passte ihm auch nicht. Schließlich gab es Untersetzer auf dem Tisch, die dazu gedacht waren, heiße Töpfe abzustellen.

Als ob es mir vollkommen gleichgültig wäre, was er tat, setzte ich mich an den Tisch, machte über den Tellern das Kreuzzeichen und begann genüßlich zu essen.

„Was gibt’s heute eigentlich?“, fragte Siegbert misstrauisch, nahm mir gegenüber Platz und nahm das Besteck zur Hand. „Heute gibt es nur Endivienuntereinander und ‚ne Aussprache!“ Siegbert tat, als hätte er den zweiten Teil meiner Antwort nicht gehört und begann lustlos im Essen herumzustochern. „Sieht irgendwie komisch aus. Ich hab‘ doch extra eingekauft, was ich haben will.“ „Das sieht aus wie Kartoffelbrei mit Speck. Und ja, es ist etwas böses, einfaches, grünes drin. Aber es wird gegessen, was auf den Tisch kommt!“ Ich warf Siegbert einen strengen Blick zu, lächelte dann aber und steckte mir die nächste hochbeladene Gabel in den Mund. Schmeckte das Endivienuntereinander wirklich von Gabel zu Gabel besser?

Die ersten Happen aß Siegbert von Säbelschaft mit angewidertem Gesichtsausdruck. Schließlich ließ er jedoch seine Gabel sinken, nahm einen Schluck Weißwein und meinte: „Ausgesprochen gut und angemessen gewürzt! Es schmeckt ausgezeichnet. Aber, was mir daran überhaupt nicht schmeckt, ist, dass es so einen Armeleutefraß überhaupt geben muss. Und warum ausgerechnet heute?“ „eine gute Mahlzeit hält Leib und Seele zusammen. Und das Endivienuntereinander ist heute genau richtig dafür. Es ist in gewisser Weise die Henkersmahlzeit. Es ist das letzte Mal, dass ich hierher komme.“ „Wer sagt das?“ „Ich!“ „Und was ist mit den Wagenknechts?“ „Denen kannst du ihren Anteil für heute und vielleicht auch noch für das nächste Mal auszahlen. Um alles andere kümmere ich mich. Und weil ich heute keine Sexarbeit für dich mache, musst du mich natürlich nicht bezahlen.“ „Was ist los mit dir? Was soll das Theater?“ „Seit wir uns am Samstag das letzte Mal begegnet sind, ist viel passiert. Unter anderem bin ich einer Rika Well- oder Bellmanns begegnet!“ Und als ich das sagte, gelang es mir tatsächlich, einen beiläufigen Ton anzuschlagen.

Er zuckte nicht zusammen. Seine rechte Hand, mit der er nach dem Weinglas hatte greifen wollen, blieb in der Luft stehen. Und es wurde dunkel in seinem sonst so hellen Gesicht als ob darin tatsächlich eine Lampe wäre, die jemand einfach ausgeknipst hätte. Dann leuchtete plötzlich Zorn in seinen Augen auf. „Du warst an der Schublade. Da durftest du nicht ‚rumschnüffeln. Und jetzt bist du auch noch so dreist, hast dir den Namen ‚rausgegriffen und spinnst mir was vor! Ihr seid alle gleich, ihr dummen, dreisten Nutten!“

Ruhig stand ich auf und beugte mich zu ihm vor. Mein Gesicht war keine fünf Zentimeter von seinem entfernt. Mein Zorn schlug keine Funken. Eisige Haken der Wut sprangen ihm aus meinen Augen entgegen und bohrten sich in sein Gesicht, sodass er von ihnen festgehalten wurde und meinem Blick nicht ausweichen konnte. Mit sehr leiser und bedrohlich grollender Stimme erwiderte ich: „Falsch, ganz falsch, mein Freund! Die Rika ist mir gestern begegnet, weil sie tot ist! Die Toten scheinen mich genauso gern zu besuchen wie die Freie. Deine Mutter zum Beispiel. Die sucht mich immer Heim, wenn ich hier bin, einer der vielen guten Gründe nicht mehr hierher zu kommen. Dafür, dass sie sich heute hier mal nicht breit macht, muss die Musik und genau dieses Essen sein. Eigentlich geht sie nichts von dem, was wir so tun, etwas an. Aber das, worum es jetzt geht, geht sie erst recht nichts an. Du wirst mir erzählen, was mit der Rika ist. Das ist deine Sache. Und du wirst mir genau erklären, warum du das alles tust, warum du uns Huren von A bis Z leimst!“ Ich riß meinen Blick von seinem los, indem ich mich schnell aufrichtete. Dann gor ich ihm Wein und mir Wasser nach und setzte mich wieder auf meinen Platz. Geduldig wartete ich seine Reaktion ab. Und plötzlich spürte ich die Anwesenheit von Salvadora. Ihr erdiger Duft lag in der Luft und sie schlich schnurrend umher. Die Frequenzen des Schnurrens erfüllen einen Raum nicht nur mit Ruhe. Die auf- und abschwellende Bewegung des Geräuschs hat auch eine heilsame Wirkung. Das Unbehagen, das mich in Siegberts Wohnung nie verließ, wich nicht vollständig von mir. Aber es ging mir nicht mehr schmerzhaft unter die Haut.

Salvadora beruhigte mich so gut, dass es gleichgültig war, was Siegbert von sich geben würde, wie er sich aufführen würde, er würde mich nicht aus der Fassung bringen können. Darüber hinaus war er auf sich allein gestellt. Denn Salvadoras Anwesenheit hatte den Geist seiner Mutter vertrieben. Ich dagegen konnte auf mein Krafttier zählen.

Siegbert von Säbelschaft plusterte sich mächtig auf, saß da, trank teuren Wein und redete als ob er einen öffentlichen Vortrag hielt und nicht als spräche er nur mit mir. Dabei grinste er die ganze Zeit.

„Ich nehme an, dass die Frage nach den Gründen für mein Experiment an Professionellen dadurch ausgelöst wurde, dass ich es auch bei einer gewissen Felicitas Haechmanns geschafft habe, sie zu belegen.“ Er nahm einen großen Schluck Wein. Mir fiel ein, dass man zum Beispiel in der Hundezucht von belegen spricht, wenn ein Rüde eine Hündin deckt. Aber ich stellte das nur fest. Es regte mich nicht auf. Wahrscheinlich zeigte sich sogar ein Grinsen auf meinem Gesicht, das Siegbert in seiner Selbstherrlichkeit leider entging.

„Und eins muss ich unumunden zugeben, diese Felicitas ist kein ganz so dummes Ding wie die anderen. Sie hat wenigstens herausgefunden, wie mein System funktioniert. Mein ziel ist es die Professionellen nicht einfach zu schwängern. Ich veredele sie. Schließlich bin ich ein von Säbelschaft, habe ein Einkommen von 25 bis 28000 DM. im Monat und verdiene es darüber hinaus auch, dass ich zeigen darf, wie fruchtbar ich bin. Das gilt umso mehr, da meine Ehe bislang kinderlos geblieben ist. Ich verfolge auch die Absicht das beste Ergebnis meines Veredelungsexperiments meiner Frau Annabell zu präsentieren. Sie verdient es, eine Familie zu haben. Und schließlich soll das beste Ergebnis meines Experiments soll ja nicht nach seiner Geburt vor die Hunde gehen. Und ich habe Annabell nicht ohne Grund geheiratet, als wir 19 Jahre alt waren. Ich brauche auch was zum Spielen. Und obwohl mein Experiment in vielerlei Hinsicht mehr ist als ein Spiel. Macht es mir einen Riesenspaß auch deshalb, da ich immer etwas dabei gewinne.“

Nachdem er das gesagt hatte, lehnte er sich selbstzufrieden zurück und machte eine Paus, bevor er nach einem ordentlichen Rotwein verlangte. Und ich beging den Fehler aufzustehen und zum Regal mit den Rotweinflaschen zu gehe. So wie man den Alkohol, den man getrunken hat, deutlich spürt, wenn man aufsteht und aus der Kneipe an die frische Luft geht, entfachte die Bewegung meinen Zorn. Der Zorn flammte auf, als ich aufstand und schlug immer höher, während ich mich durch die Küche bewegte. Doch auch Siegbert stand auf, um sich Zigaretten und einen Aschenbecher zu holen. Als ich ein Rotweinglas für ihn holte, drehte er mir plötzlich den Rücken zu. Und mein Zorn änderte schlagartig seine Richtung. Sie verwandelte sich im Bruchteil einer Sekunde von heißem Zorn in kalte, berechnende Wut. Wäre das nicht passiert, hätte ich ihn möglicherweise doch von heißem Zorn übermannt hinterrücks niedergeschlagen. So hart mich die abrupte Veränderung von glühender Hitze zu Eiseskälte auch angriff, im Nachhinein bin ich froh und erleichtert darüber, wie gut meine Kämpfernatur und Kampfausbildung in mir verankert war. Denn dieser Wechsel zeigte, wie schnell und effizient ich auf meine Gegner immer noch reagieren kann. Die Eiseskälte hatte mich für den Moment, auf den es ankam, erstarren lassen, sodass ich das Prinzip, niemals aus dem Hinterhalt anzugreifen, beherzigt hatte.

Als ich die innere Kälte immerhin so weit überwunden hatte, dass ich eine langsame Kehrtwendung machen konnte, um zum Tisch zurückzugehen, wurde es in mir so warm, dass meine kalte Wut meinen Verstand aktivierte. Und ich beschloß, keine Fragen von Siegbert zu beantworten. Außerdem nahm in mir ein Plan Gestalt an, was ich tun würde, wenn ich diese Wohnung verlassen würde.

Als er ein volles Rotweinglas vor sich stehen hatte, zündete er sich eine Zigarette an, irgendein schwarzes Kraut. Er ließ noch mehr Zeit verstreichen und sah mich durchdringend an. Dass er mir auf diese Weise Zeit für meine Planung verschaffte, konnte er nicht wissen. „Du musst doch zugeben, dass ich durch mein Experiment zum wahren Frauenversteher geworden bin. Ich liege doch mit meiner Vermutung richtig, dass ich bei dir auch ins Schwarze getroffen habe, oder nicht?“ Ich schaffte es, darauf überhaupt nicht zu reagieren.

Hinter Siegberts Stirn begann es zu arbeiten. Er bereitete sich auf eine weitere Rede vor. Aber dieser Vortrag würde nur für mich bestimmt sein. Für mich? Nein für das, was er in an diesem Abend in der Küche in seiner Zweitwohnung in mir sah. Nein, noch genauer muss man sagen, er sprach auf das Objekt ein, dass er an diesem Abend in der Küche seiner Zweitwohnung in mir sehen wollte.

„Weißt du, Lici, du solltest dich geehrt fühlen. Ich habe dich auserwählt das Kind zu bekommen, dass Annabel und ich aufziehen werden. Du solltest dich verstanden und angenommen fühlen, weil ich erkannt habe, was du willst, und was in dir steckt. Ich weiß, dass du mein Kind nicht abtreiben wirst. Denn du fühlst dich dem Leben verpflichtet und gestattest dir nicht, einem anderen Menschen das Recht auf Leben zu verwehren. Das hat mit deiner Natur und Geschichte zu tun. Aber du willst kein Kind aufziehen müssen. Das erspare ich dir und zeige dir damit, wie sehr ich dich achte und bewundere. Du darfst dich also mit Fug und Recht geachtet und bewundert fühlen. Dass du nicht mehr hierher kommen wirst, ist ganz in meinem Sinn. Schließlich hat sich auch an dir meine Fruchtbarkeit erwiesen. Da bin ich ganz sicher, obwohl du ja auch noch mit anderen Männern verkehrst.“

Wie er so selbstherrlich versuchte Gefühle bei mir heraufzubeschwören, desto weniger fühlte ich. Bis meine Gefühle vollkommen verstummten. Siegbert hatte es geschafft, mich wieder zu einem Ding zu machen, zu einem Inkubator. Ich denke schon, dass er das merkte und sich mächtig klug und wichtig dabei vorkam. Und das pumpte seine Selbstzufriedenheit noch stärker auf als je zuvor. „Ich denke für heute ist alles gesagt und getan! Aber wir sprechen uns in den nächsten Tagen und Wochen noch. Wir treffen uns wieder!“, sagte Siegbert, stand auf und ging in sein Arbeitszimmer.

Der Abwasch gehört nicht zu den Aufgaben eines Inkubators. Außerdem beschäftigte Siegbert von Säbelschaft eine Haushaltshilfe. Dass die Gefühle zumindest für eine gewisse Zeit abgeschaltet waren, nützte Siegbert nichts. Denn das Programm funktionierte. es registrierte und führte aus, was erforderlich war. Und so dauerte es keine fünf Minuten, dass der Inkubator mit allem, was dazu gehört, aus der Wohnung verschwunden war. Im Rucksack waren die CD und Siegberts Aufzeichnungen sorgfältig verstaut. Das Stäbchen des zweiten Schwangerschaftstests war im Badezimmer zurückgeblieben und hatte sich selbstverständlich wie der Erste am Vortag verfärbt.

Bewegung hilft. Und Bewegung fütterte das Programm des Inkubators mit Informationen. Der Heimweg, der ruhig zu Fuß zurückgelegt wurde, Auf diese Weise konnte registriert werden, was wichtig war. Dinge, die bei der Begegnung nicht hatten sortiert und bearbeitet werden können, zeigten sich jetzt ganz deutlich. Es würde ein Treffen geben aber kein Gespräch. Der Inkubator registrierte, dass der Tot die Hand nach Siegbert ausgestreckt hatte, aber nicht ob er tatsächlich sterben würde und welcher Feind aus seinem Privat- oder Berufsleben ihn dann, wenn es so sein sollte, niederstrecken würde.

Du möchtest wissen, wie das Buch anfängt? – Hier geht’s lang:

Etwas Blaues braucht die Fee

Und hier findest du verschiedene Buchquellen, bei denen der erste Felicitasroman verfügbar ist:
Felicitas im Handel

Fortsetzung von Siegbert von Säbelschafts Experiment an Professionellen

Es war viertel vor vier, als ich am nächsten Tag die Wohnungstür zu der Altbauwohnung in der Lessingstraße 2 aufschloss. „Einen Guten, ERnestine!“, rief ich und schloss die Tür hinter mir. Wie so oft strafte mich der Geist von Siegberts Mutter, der hier sein Unwesen trieb, zunächst mit Nichtbeachtung. Scheinbar objektiv und aus sicherer Distanz checkte sie erst einmal ab, was mit mir los und bei mir Sache war. Und dabei spürte und verstand sie mehr als zu Lebzeiten. Daran hatte ich nicht den geringsten Zweifel. Aber obwohl wir bereits seit einem Vierteljahr miteinander zu tun hatten, unterschätzte sie mich wahrscheinlich auch dieses Mal. Und jetzt weiß ich, wie wenig ihr klar war, wie gut ich im Umgang mit Geistern vor allem mit meinen guten Geistern geübt war. Ernestine Von Säbelschaft war überzeugt davon, dass ich nur ihre Gegenwart spürte, weil sie diese Wohnung beherrschte. Aber es entging mir keineswegs, dass sie und ich an diesem Nachmittag nicht allein waren. Und Abuella Isabel meinte später dazu: „Ein typischer Anfängerfehler in der Geisterwelt! Man kann eben auch als Geist nicht immer allein und heimlich herrschen!“

Da ich die Anwesenheit von Oma Isabel spürte, konnte ich ruhig und gelassen ablegen und zum Arbeitszimmer gehen. Zunächst blieb ich in der Tür stehen, sah mich kurz um und heftete dann meinen Blick auf die mittlere Schublade auf der linken Seite des massiven Möbelstücks. Diesmal steckte der Schlüssel. Das ersparte mir ins Wohnzimmer zu gehen und in der Kassette zu wühlen, in der Siegbert Schlüssel, Schrauben und der gleichen aufbewahrte. Wenn es irgendetwas gab, das auf die Siegburgs Machenschaften gegen meine Kolleginnen und mich hinwies, dann musste es in diesem mittleren Fach des Schreibtischs sein. Also ging ich auf den Schreibtisch zu, schloss die Schublade auf und sah hinein.

Was ich darin sah, war eine große, flache Aktentasche aus weinrotem Leder. „Lass deine schmutzigen Finger davon! Das gehört Siegbert!“, keifte Ernestine mit sich überschlagender Stimme. Sie stand plötzlich neben mir und griff nach meinem rechten Arm. Wie schlecht sie mich doch beobachtet hatte. Ich mache doch Ales mit links. Also packte ich die Tasche mit der linken Hand nahm sie heraus und legte sie auf die Schreibtischplatte. „Ich nehme deinem lieben Siegbert doch gar nichts weg. ich guck’ doch bloß!“ Sie hielt meinen arm immer noch fest. Plötzlich war Oma Isabel auch auf dem Posten, trat neben Ernestine und bewegte ihre Hand auf die Hände von Frau von Säbelschaft zu. Und so wie es sein sollte, nahm diese wie von Geisterhand bewegt, ihre Hände weg. Ich musste meine rechte Hand und meinen Arm mehrfach strecken und drehen, bis die Wärme in die rechte Seite meines Oberkörpers zurückkehrte. Danach zog ich den Schreibtischstuhl vor, setzte mich und zog den Reißverschluss der Aktentasche auf, nahm alles heraus, was Siegbert darin verstaut hatte und legte die Sachen auf die Schreibtischplatte.

Vor mir auf dem Tisch lagen schließlich ein schwarzes Federmäppchen aus Leder und drei Notizbücher, ein schwarzes, ein rotes und ein goldenes. Ich schlug die drei ersten Seiten der Bücher auf. Und auf allen Deckblättern stand in derselben ungelenkigen Handschrift: „Siegbert von Säbelschafts Experiment an Professionellen“.

Oma Isabel hatte neben mir gestanden und mir über die Schulter geblickt. Schließlich berührte mich ihre Geisterhand an der linken Schulter. „Erst mal nur verstehen und denken!“, sagte ihre angenehm tiefe Stimme und über ihre Hand floß mir Gedankenkraft zu. Von wegen kalte Sophie, kalte Berechnung und so was. Mir wurde zwar etwas kühler als zuvor. Aber das war auch gut so und nur kühl aber keineswegs kalt. Der kühlende Strom, der durch jede Faser meines Seins floß, spülte den aufgewärmten Mief und Nebel der letzten Wochen und Monate weg. Und es tat gut, dass diese feuchtwarme Mischung aus Gedanken, Wahrnehmungen und Gefühlen, die mit Partikeln der Gefühle und Gedanken von meinen beiden Chefs, Siegbert und seiner Mutter angereichert waren, zumindest für einige Zeit verschwanden.

So war es ein Leichtes zu verstehen, wie das angebliche Experiment funktionierte. Das schwarze Buch enthielt alle Angaben zu den Kolleginnen, mit denen er genauso verfahren war wie mit mir. Er benutzte ihre Klarnamen und hatte vermerkt, wann er mit ihnen zusammen gewesen war, wo er sich mit ihnen getroffen hatte, wann er ihnen etwas in ihr Essen oder in die Getränke tat, um ihre Verdauung durcheinander zu bringen, damit die Pille nicht mehr wirken sollte. Aus den Angaben war ersichtlich, dass er sein angebliches Experiment bereits seit zweieinhalb Jahren durchführte. Bis er sich in Hohlburg niedergelassen hatte, hatte er zwischen Frankfurt, Köln und Freiburg gependelt. Seinen Winterurlaub verbrachte er in Klosters. Im Sommer gönnte er sich acht Wochen Sommerfrische in St- Peter Ordnung. Wo er keine eigene Wohnung hatte, mietete er jeweils eine geräumige Ferienwohnung.

Im goldenen Buch waren die Frauen verzeichnet, die von ihm schwanger geworden waren. Und mit Hilfe eines Detektivs, der irgendwie mit ihm verwandt sein musste, verfolgte er, wie es mit den Frauen und ihren Kindern weiterging, nachdem Siegbert den Kontakt zu ihnen immer dann abgebrochen hatte, wenn er von der Schwangerschaft erfahren hatte.

Im roten Notizbuch konnte man eine monatliche Zusammenfassung lesen. Sie enthielt die Termine, an denen er bei einer der Prostituierten gewesen war, wie oft und wie lange sie für ihn Sexarbeit und die anschließende Versorgung geleistet hatten, wie er ihre Leistungen bewertete und was er so geschafft hatte. Bei allen Erstbewertungen einer jeden Frau stand: „Bedauerlicherweise nicht für das Endziel geeignet“.Bei allen Erstbewertungen? – Nein, nicht bei allen Erstbewertungen. Bei seiner letzten Erstbewertung am 16. November stand: „Als Zielperson perfekt geeignet“. Und tatsächlich registrierte ich, dass es bei dieser Bemerkung um mich ging, zunächst einzig und allein mit dem Verstand.

Außerdem sprang meinen Verstand ein Name an, den ich im schwarzen und im goldenen Notizbuch fand, Rika Wellmanns. Bei dem Namen sah ich vor meinem inneren Auge die junge Frau, deren Geist mir gestern in der Bar des Aphrodite begegnet war. Und ich begriff, dass die rotblonde Frau Rika Wellmann war. Und ihr Tod hatte mit Siegbert und seinem infamen System zu tun. Aus dem roten Buch ging auch hervor, dass Siegbert von Säbelschaft mit sich selbst wettete, welche Frau er in welcher Zeit schwängern würde, und wie sie auf die ungewollte Schwangerschaft reagieren würde. Bei mir hatte er sich vertan. Denn ich war nicht schon nach vier Wochen schwanger geworden. Interessanter, dass er in meinem Fall keine Vermutung darüber aufgezeichnet hatte, ob ich abtreiben würde, obig das Kind behalten wollte oder es nach der Geburt in Pflege oder zur Adoption freigeben würde.

Schließlich nahm ich die drei Bücher, steckte sie in die Aktentasche zurück, steckte das Federmäppchen in die Schublade und brachte die Ledertasche in den Flur, wo ich sie in meinen Rucksack verstaute.

Als ich endlich in die Küche ging, um mir einen Kaffee zu kochen, War es immer noch nur mein Gehirn, das auf Hochtouren arbeitete. Ich brauchte einen Plan, um aus Siegbert herauszukriegen, warum er diesen infamen Plan verfolgte, was mit Rita Wellmanns passiert war, und was er für ein Endziel verfolgte. Das Erste, was ich beschloss, war, mir einen Plan auszudenken, der Siegbert von Säbelschaft ganz viel Zeit kosten würde. Hatte er sich doch immer beschwert, dass ich mir für ihn nicht genug Zeit nahm. So meldete ich mich erst einmal für den Rest des Tages krank. Als ich die erste Tasse Kaffee getrunken hatte, war ich mit den Anrufen fertig. Und während ich die zweite trank, nahm in mir ein Plan Gestalt an, wie ich den Abend mit Siegbert Säbelschaft verbringen würde. Seine Mutter maulte zwar immer dazwischen. Aber schließlich gelang es Oma Isabel sie zum Schweigen zu bringen: „Deinem Jungchen wird heute Abend nichts schlimmes passieren. Er wird zwar ein Riesentheater machen, aber die Fee tut niemand was zu Leide!“ Natürlich sagte ich nichts dazu. Denn im letzten Punkt war ich mir wirklich nicht sicher. „Die Fee wird nichts tun, was nicht nötig ist!“, war das Letzte, was Abuella Isabel an diesem Tag sagte und mir damit zu verstehen gab, dass sie mir voll und ganz vertraute.

Du möchtest wissen, wie das Buch anfängt? – Hier geht’s lang:

Etwas Blaues braucht die Fee

Und hier findest du verschiedene Buchquellen, bei denen der erste Felicitasroman verfügbar ist:
Felicitas im Handel

Siegbert von Säbelschafts Experiment an Professionellen

0007. Hohlburg, Montag, 28. Februar 2000

In gewisser Weise war es unnötig den Schwangerschaftstest zu kaufen. Ich wusste einfach, dass ich schwanger bin. Und trotzdem ging ich, nachdem ich am Vormittag des Valentinstages zwei Morgengäste bedient hatte, zur Löwenapotheke und kaufte gleich zwei Schwangerschaftstests. Und bevor ich zu Sybille in die Bar ging, um meinen Nachmittagskaffee zu trinken, ging ich auf die Toilette neben der Bar und Pinkelte auf das Stäbchen des ersten Tests.

Während ich auf das Ergebnis wartete, fragte ich mich, warum ich überhaupt Geld ausgegeben hatte und dann gleich auch noch für zwei Tests. Ich wusste, dass ich schwanger bin nicht nur, weil meine Tage, die sonst regelmäßig kamen wie ein Uhrwerk, ausgeblieben waren. Ich wusste, dass ich schwanger bin, obwohl ich nicht an Morgenübelkeit litt. Vor einiger Zeit hatte ich doch nur gekotzt, nachdem ich bei Siegbert von Säbelschaft ein Pilzgericht gegessen hatte. Das kam mir bei der Warterei in den Sinn. Und mir fiel ein, dass es mir zwei Tage so schlecht gegangen war, dass ich mich zum ersten Mal krank gemeldet und alle Termine abgesagt hatte. Aber dieser Schwangerschaftstest musste sein. Es gibt eben Dinge im Leben, die auf jede nur erdenkliche Art und Weise auch mit der faktischen Realität verknüpft werden müssen. Und außer mir würde niemand sich auf meine Gefühle verlassen. Irgendwann musste das Thema Schwangerschaft zur Sprache kommen, zum Beispiel im Gespräch mit den Wagenknechts. Und wenn man mir nicht glauben würde, war es gut den zweiten Test in der Hinterhand zu haben.

Wie erwartet war der test positiv. Ich warf ihn in den Mülleimer, der unter einem der Waschbecken stand. Sybille würde, nachdem wir zusammen Kaffee getrunken hatten, die Mülleimer leeren. Und so war es unwahrscheinlich, dass jemand das Teil finden und Aufhebens darum ein Aufhebens machen würde.

Da die Schwangerschaft jetzt eine Tatsache war, die auf dem Boden der Realität angekommen war, verspürte ich doch den Wunsch nicht mit jemandem sondern mit Sybille darüber zu reden. Und ich hatte Glück. Denn als ich die Bar betrat, war nur Sybille da. Sie stand hinter dem Tresen und sah mir lächelnd entgegen. „Kaffee?“ Ich nickte und setzte mich auf „meinen“ Barhocker, der ganz links an der Bar stand. Kaffee sollte ich wohl nicht trinken der Bitterstoffe und des Koffeins wegen. Aber ich hatte spontan entschieden zumindest in den nächsten Tagen nach außen so zu tun, als sei alles wie sonst.

Sybille machte sich und mir einen Kaffee und stellte die Tassen zwischen uns auf die Bar und blieb hinter der Bar stehen. „Und, gibt’s irgendwas Neues?“ „Ja, ich bin schwanger!“ „Scheiße!“, fluchte Sybille, die wusste, dass ich keine Kinder haben will. Denn Kinder können auch wie ihre Großeltern aussehen. Und ich hatte zwar das Glück, dass ich von meinem Erzeuger kein sichtbares Erbe davon getragen habe. Aber das Glück nicht auf Schritt und tritt an ein solches Arschloch erinnert zu werden, hat man sicherlich kein zweites Mal. Und bei diesem Kind kommt noch dazu, dass ihm vielleicht auch sein Erzeuger ins Gesicht geschrieben stehen wird. Und als ich am Valentinstag daran dachte, sah ich sofort einen Jungen mit dem Gesicht von Siegbert von Säbelschaft vor mir. Und da dieser Kerl meiner hatte habhaft Werden, mich klein kriegen und in gewisser Weise zerstören wollte, war diese Vorstellung ähnlich schlimm wie die, dass ich ein Kind bekommen könnte, dass seinem „Großerzeuger“ ähnlich sah.

Nach einer Pause fragte Sybille: „Hast du irgendwen Ahnung, von wem es sein könnte?“ Und dass sie mir diese Frage stellte, zeigte mir, wie gut und richtig es gewesen war, Sybille ins Vertrauen gezogen zu haben. Jede Andere hätte mir diese Frage nicht gestellt. Wie sollte denn eine Nutte, die mit vielen verschiedenen Kunden sexuell verkehrte, eine Ahnung haben, welcher der Freier der Erzeuger ihres Kindes war. Und für mich stand außer Frage, dass Sybille diese Frage nicht stellte, um so zu tun als sei ich eine normale junge Frau, die ab und zu ihre Liebhaber wechselte und als sei ich keine Hure. Sybille meinte die Frage ernst und wörtlich. Und sie sah mir dabei ruhig und offen ins Gesicht. „Siegbert von Säbelschaft!“, antwortete ich, ohne zu zögern.

Ich ließ einen Augenblick verstreichen, bevor ich weiter sprach. „Es ist Siegbert von Säbelschaft. Aber wahr ist das noch nicht!“ Jede Andere hätte mich verbessert und erklärt, dass das Wort wahr falsch wahr, und dass ich hätte sagen müssen, dass es noch nicht amtlich ist. Aber Sybille nahm sich Zeit und überlegte, was ich wohl gemeint hatte. Schließlich fragte sie in nachdenklichem Ton: „Warum meinst du, dass es noch nicht wahr ist? Meinst du das, weil du das noch nicht beweisen kannst?“ „Einer der alten Griechen hat mal so was gesagt, wie: „Die Wahrheit ist, wenn wir die Ursache erkennen!“ Wieder nahm sich Sybille Zeit, um nachzudenken. Dann stellte sie fest: „Du meinst, dass er dich geleimt hat, dafür gesorgt hat, dass du schwanger wirst! Das ist ungewöhnlich. Männer vor allem Freier legen es sehr viel seltener darauf an, dass es zu einer Schwangerschaft kommt, wenn der Andere nicht oder nur halbherzig ein Kind haben will! Bei Frauen kommt das viel häufiger vor. Auch bei Professionellen! – Du willst wissen, warum er dich geleimt hat?“ Ich nickte. „Es spricht viel dafür, dass er nachgeholfen hat, damit du schwanger wirst. Das mit den eigenen Kondomen, dass er dich in seiner Löwenhöhle unter Kontrolle haben will. Und mit dem Essen, von dem es die so schlecht gegangen ist, kann wie jeder Mann weiß, die Wirkung der Pille außer Kraft setzen. Und bei allem, wie sich bei allem so routiniert verhält, bist du bestimmt nicht die Einzige, die er geleimt hat. Da steckt bestimmt ein System dahinter!!“ „Das stimmt!“ „Und du wirst ‚rausfinden, warum er das macht, und wie es genau funktioniert, sein krankes System!“ „warum muss ich ausgerechnet diejenige sein, die ihn hochgehen lässt?“ „Weil du einige der ganz wenigen Menschen bist, die Siegbert und der Alten Paroli geboten haben und bieten können. Und du bist die einzig verfügbare Lebende, die was machen kann!“, sagte eine stimme in meinem Kopf. Ich drehte mich unwillkürlich um und sah den Geist einer jungen Frau rechts hinter mir. Sie hatte zu Lebzeiten rotblonde Haare und grüne Augen gehabt. „Das ist ja wieder mal toll!“, dachte ich in ihre Richtung.

Aber ich kam nicht dazu mich weiter mit Sybille zu unterhalten oder mich mit dem Geist der Frau, deren Namen ich noch nicht mal kannte, zu befassen. Denn die Tür ging auf und Claudette kam herein. Auf ihre übertriebene Fröhlichkeit wollte ich gerade jetzt überhaupt nichts zu tun haben. Ich trank den letzten Schluck Kaffe, bedankte mich bei Sybille und zog Leine in meine Wohnung, wo ich noch mehr als eine Stunde Zeit hatte, bevor mein nächster Freier kam. Was konnte ich tun, um dem von Säbelschaft auf die Schliche zu kommen und ihm gründlich die weiteren Touren zu vermiesen? Das war hier die Frage!

Du möchtest wissen, wie das Buch anfängt? – Hier geht’s lang:

Etwas Blaues braucht die Fee

Und hier findest du verschiedene Buchquellen, bei denen der erste Felicitasroman verfügbar ist:
Felicitas im Handel

Fortsetzung 3 von geschlagen mit einem Erschlagenen

Immer wieder kommt mir der Gedanke, dass es gut, richtig und wichtig war, mich Siegbert von Säbelschaft und dem Geist seiner Mutter nicht geschlagen zu geben, mich selbst so gut wie möglich zu behaupten, mich bestimmten Regeln zu widersetzen und damit ein gutes stück Eigenmächtigkeit zu bewahren. So gewöhnte ich es mir an, immer, wenn ich die Wohnung betrat, den Geist von Ernestine von Säbelschaft, der in den Zimmern wehte, zu begrüßen und mit ihm zu sprechen. Außerdem betrat ich jedes Mal, wenn ich meine Jacke ausgezogen hatte, zuerst das Arbeitszimmer, um für einen langen Augenblick den Schreibtisch anzusehen. Mein Blick ruhte dabei immer auf der mittleren Schublade, ob der Schlüssel nun steckte oder nicht. Und ein viertel Jahr lang traf mich Siegbert von Säbelschaft Dienstag, donnerstags und samstags kaffeetrinkend an. Die Zeiten, die ich mit von Säbelschaft verbringen musste, hielt ich so kurz wie möglich. So sorgte ich dafür, dass die Mahlzeiten, die er nach der Sexarbeit mit mir einnehmen wollte, weitgehend oder vollständig vorbereitet waren, sodass ich das Essen nur noch einmal aufwärmen musste. Er regte sich jedes Mal darüber auf, dass ich seinen Kaffee trank, obwohl ich für Nachschub sorgte und den Kaffeeautomaten gewissenhaft pflegte. Auch, dass ich ihn immer so schnell wie möglich abspeiste, ließ er nicht umkommentiert. „Ich will dieses Fast Food nicht!“, mäkelte er. „Das ist keine Schnellmahlzeit, obwohl ich das Essen nur aufgewärmt habe!“ „Ich will aber keinen aufgewärmten Fraß sondern frisches Essen!“ „Dann musst du in ein Restaurant gehen. Ich hab’ schließlich nicht den ganzen Abend Zeit!“ „Aber ich bezahle doch dafür, dass du hier bist!“ „Andere zahlen auch dafür, dass ich für sie da bin. Und die sind mindestens genauso gute Kunden wie du. Ich werde keinen anderen Freier vernachlässigen wegen dir!“ „Willst du mehr Geld oder was?“ „Das hat nix mit der Bezahlung zu tun. Das hat nur was mit meinen eisernen Prinzipien zu tun!“ „Eiserne Prinzipien!“, schnaubte er verächtlich. „Genau! Ich mache nicht viele Regeln für meine Kunden. Aber die, die ich mache, die gelten, und die setze ich durch!“

Er stellte viele Regeln auf, die vor allem für mich galten. Aber auch Siegbert selbst hatte immerhin einige Angewohnheiten, an die er sich fast immer hielt. So ging er jedes Mal, nach dem wir Sex miteinander gehabt hatten, in sein Arbeitszimmer und machte hinter sich die Tür zu, während ich das Essen fertig machte und den Tisch deckte. Dass er sich über die schnelle Abfertigung ärgerte, lag wohl auch daran, dass er mehr Zeit haben wollte für die Dinge, die er im Arbeitszimmer noch zu tun hatte. Vermutlich tat er im Arbeitszimmer seiner Zweitwohnung irgendwelche Sachen, die er in seiner Firma und zuhause bei seiner Frau nicht erledigen konnte oder wollte. Nur zweimal in den drei Monaten verließ er sein Arbeitszimmer und ging in die Küche, einmal im Dezember und einmal im Januar. Beide Male wartete er bis ich auf die Toilette ging, während das Essen auf dem Herd erwärmt wurde. Und als ich wieder in die Küche kam, stand er vor dem Weinregal und tat so als ob er gerade dabei wäre einen geeigneten Wein zu suchen.

Sowohl im Dezember als auch im Januar war mir nach diesen Treffen mit Siegbert von Säbelschaft zwei Tage richtig schlecht. Was er mir ins Essen getan hat, weiß ich nicht. Aber bei unserem letzten Termin am 15. Februar verstand ich, dass er mir etwas ins Glas oder auf den Teller getan hatte, und warum er meine Verdauung durcheinander gebracht hatte.

Sexuell war Siegbert von Säbelschaft sehr vielseitig. „Ich kenne das Buch der Liebeskunst in- und auswendig!“, behauptete er. Camasutra war neben einigen Büchern zum Wirtschaftsrecht und dem Gesamtwerk von Johannes Mario Himmel die einzige Lektüre in seinem antiken Bücherregal, das weitgehend leer in seinem Wohnzimmer stand. Ich kannte alle Praktiken, die er von mir verlangte. Und es ärgerte ihn, dass es nicht ein einziges Mal vorkam, dass ich etwas nicht kannte und sicher jede Stellung einnahm, die er von mir verlangte. „Das kennst du auch?“ „Natürlich kenne ich das. Das ist mein Beruf!“ „Ich dachte, du bist einfach ‚ne solide Nutte, ganz nullachtfünfzehn!“ Doch da hatte er sich getäuscht. Nie sagte ich etwas dazu, dass er mich für Nullachtfünfzehn hielt. Und da er unbedingt das letzte Wort haben wollte, sagte er mir den Kampf an: „irgendwann kriege ich dich dran, zeig‘ ich dir, wo der Hammer hängt und krieg’ dich klein. Und dann musst du dich geschlagen geben!“

Der Geist seiner Mutter zeigte sich mir mindestens einmal in der Woche, aller Dings nie, wenn Siegbert dabei war. Oft stand oder saß sie irgendwo und starrte mich an. Doch sie war es, die die Geduld verlor und ihren Blick abwenden musste. Sie versuchte auch, mit mir über die Möbel und die Accessoires zu plaudern. Darauf reagierte ich solange einsilbig, bis sie das Interesse an Small Talk verlor. Dann zog sie sich schmollend zurück, um nach einiger Zeit plötzlich wieder aufzutauchen und mich zu beschimpfen. „Du dreckige Hure, warum tust du nicht genau das, was Siegbert von dir verlangt. Du dummes Ding hast doch ohnehin schon verloren. Dich kriegen wir auch noch klein. Man sollte dich einfach tot schlagen!“

Ich weiß nicht genau, wie ich es schaffte, ihre Schimpftiraden ruhig über mich ergehen zu lassen. Doch es musste etwas damit zu tun haben, dass ich nicht von allen guten Geistern verlassen war. Obwohl ich sie nicht sah, floss mir Ruhe zu, die nur von Salvadora, meinem treuen Krafttier und dem Geist meiner Großmutter zufließen konnten. Und ab Mitte Dezember räumte ich oft von Siegbert und Ernestine, die sich wie trotzige, kleine Kinder, die ihren willen nicht bekommen, auf dem Boden im Arbeitszimmer der Zweitwohnung lagen und wehrlos um sich schlugen und traten. Obwohl das grotesk war und sie dabei so hilflos wirkten wie die kleinen, verwöhnten Kinder, blieb ich auf der Hut und unterschätzte sie nicht. Nicht nur, weil ich deutlich die Kraft sah, die sie hatten.

Morgen muss ich dann endlich erzählen, welchen üblen Plan ich am 15. Februar entdeckte. Die Dinge, die geschehen sind, müssen offen ausgesprochen oder aufgeschrieben werden, damit sie in gewisser Weise erledigt sind, obwohl sie damit natürlich nicht vorbei und bedeutungslos geworden sein werden. Sie werden aber immerhin an Größe verlieren und mir nicht mehr die Sicht auf das Hier, das Jetzt und das Morgen versperren, wie es jetzt noch der Fall ist.

Du möchtest wissen, wie das Buch anfängt? – Hier geht’s lang:

Etwas Blaues braucht die Fee

Und hier findest du verschiedene Buchquellen, bei denen der erste Felicitasroman verfügbar ist:
Felicitas im Handel

Fortsetzung 2 von geschlagen mit einem Erschlagenen

0006. Hohlburg, Sonntag 27. Februar 2000

Diese verdammte Schwangerschaft geht mir auf den Geist. Nicht, dass ich mich jeden Morgen übergeben müsste, aber der Energiehaushalt ist durcheinander. Da war mir doch gestern um halb zwei in der Nacht auf einen Schlag die Kraft ausgegangen. Ich bin wirklich geschlagen mit dem, was der von Säbelschaft mit mir gemacht hat. Da ist die Schwangerschaft noch eins der geringsten Übel. Denn die ist in absehbarer Zeit vorbei, was man von seinem Todesfall und auch von den geistigen und seelischen Sachen nicht sagen kann. Und wer weiß, wozu sich dieses ganze Zeug noch auswachsen wird. Aber jetzt geht es erst einmal weiter im Text, bevor mich wieder die Erschöpfung packt, ohne dass ich mein Soll erfüllt habe.

Als ich am folgenden Nachmittag gegen halb drei in die Bar kam, um mit Sybille einen Kaffee zu trinken und ein Bisschen mit ihr zu plaudern, kam die Wagenknecht und überreichte mir einen Schlüsselbund. Am Schlüsselring waren zwei Schlüssel und eine Kette, an der ein viereckiges Kästchen aus durchsichtigem Plastik befestigt war. Das Kästchen enthielt auf der einen Seite das Bild der afrikanischen Fruchtbarkeitsgöttin, wie sie mir von Säbelschaft am vergangenen Abend als Staubfänger hinterlassen hatte und auf der anderen Seite des Kästchens steckte ein Zettel mit der Adresse, Lessingstraße 2. Von Säbelschafts Zweitwohnsitz lag also in der Altstadt von Hohlburg. Ich steckte den Schlüssel in meine Hosentasche. Ohne den Blick von mir abzuwenden, schwang sich die Wagenknecht auf den nächsten Barhocker und meinte in schmeichelndem Ton: „Felicitas, du bist wirklich unser bestes Pferd im Stall!“ „Und das beste Pferd im Stall macht den meisten Mist oder steht mindestens bis zum Bauch im Mist der anderen!“ „Ich weiß, dass du die Außeneinsätze und Hausbesuche nicht magst, aber sie bringen gutes Geld ein.“ Sie lächelte zufrieden. War diese Frau mit den blonden Haaren, dem grauen und dem grünen Augen und den aufgehellten Zähnen jemals eine von uns gewesen? Ich glaubte ihr einfach nicht, dass sie auch drei Jahre lang angeschafft hatte, obwohl sie hübsch und gewandt genug war. „Du und dein Mann, ihr kriegt gutes Geld dafür, dass ihr uns vermittelt. Aber wir kriegen keinen Pfennig mehr, wenn wir ausrücken müssen. Du weißt ganz genau, dass ich mich nicht über die Bezahlung beschwere, weil ich da draußen genau die Arbeit mache, die ich hier auch mache. Und doch hast du mir gerade nur geschmeichelt von wegen das beste Pferd im Stall, um mich zu bestechen. Du wolltest mir ein Bisschen vom Kuchen abgeben, um mich zu korrumpieren!“ „Korrumpieren?“ Die Wagenknecht machte Sybille ein Zeichen, dass sie jetzt auch einen Kaffee haben wollte. „Immer, wenn du bei ‚ner Unterhaltung nicht weiter kommst, und wenn man gar nicht damit rechnet, kommst du mit ‚nem Fremdwort ‚rüber!“ „Na, und?“ „Ich wollte dir doch nur sagen, dass der von Säbelschaft dich auch für was ganz Besonderes hält und sich erkundigt hat, was ist, wenn er dir ‚nen Bonus gibt. Und du weißt, dass der Theo und ich da nicht pingelig sind.“ „Wenn du mir das sagen wolltest, warum eierst du denn dann so ‚rum und sagst das nicht gleich?“ Wir sahen uns lange an, die Sybille und ich. Und wir dachten das Selbe. „Wie gut, dass er sich keine andere ausgesucht hat, der Schmutzpuckel. Dass er gleich bei den Hurenwirten ‚nen Bonus anmeldet, ist echt ’n starkes Stück!“ „Ähm, ähm, ich konnte ja nicht so mit der Tür ins Haus fallen, weil das ja schon echt ungewöhnlich ist, wenn einer das so macht!“ „Menschenskind, wie dumm kann man eigentlich sein? Dass so einer nicht ohne ‚nen miesen Grund zu haben oder aus Berechnung keine Vorschusslorbeeren gibt, musste euch, dem Theo und dir, doch klar sein!“, schaltete sich Sybille mit ihrer angenehm tiefen Stimme ein. Und das Entsetzen stand ihr im Gesicht geschrieben. Die Wagenknecht sah Sybille zornig in die grünbraunen Augen. „Werd‘ du ja nicht frech! Sonst schmeiß‘ ich dich ‚raus!“, fauchte sie musste dann aber den Blick von dem guten Geist des Aphrodite abwenden, weil sie dann doch spürte, dass Sybille recht hatte. Und sie wusste endlich wieder, was sie an dieser ehrlichen Haut hatte. Sybille hätte nicht ein einziges Wort verloren, wenn es nicht richtig und wichtig gewesen wäre. Das wusste die Wagenknecht genau. Eine sehr unangenehme Pause entstand. Und es schien plötzlich mehrere Grad Kälter zu werden, in der Bar. Und die Wagenknecht hielt die Stille dann doch nicht mehr aus. „Du wirst schon mit ihm fertig, Felicitas!“ „Früher oder später vielleicht!“, erwiderte ich resigniert und fügte nach einer kurzen Pause mit fester Stimme hinzu: „Aber eins steht fest! Mit dem mache ich mich nicht gemein, egal, was der mir anbietet!“

An diesem Dienstag betrat ich das Haus in der Lessingstraße genau um vier Uhr. Die Zweitwohnungen Siegbert von Säbelschaft befand sich in der ersten Etage eines dreistöckigen alten Hauses. Die Dreizimmerwohnung mit ihren hohen Decken und Fenstern, den Dielenböden und den teuren Fliesen in bad und Küche war stilvoll mit Antiquitäten und hochwertigen Accessoires eingerichtet worden aber nicht von Siegbert von Säbelschaft. Das spürte ich genau, nachdem ich die Wohnung betreten und die Eingangstür hinter mir zugemacht hatte. Jemand hatte ihm die Wohnung mit allem Drum und Dran eingerichtet. Und sowohl diese Person als auch Siegbert von Säbelschaft wollten, dass jede, die hierher kam, das auf Schritt und Tritt spürte. Als ich das gewahr wurde, musste ich unwillkürlich an Ernestine von Säbelschaft denken, die sich gestern einfach so in meiner Küchentür aufgebaut hatte.

Während ich durch die Wohnung ging, um mich genau aber nicht pedantisch mit dem Ort vertraut zu machen, verstärkte sich das Gefühl, dass es seine Mutter gewesen war, die von Säbelschaft diese Wohnung eingerichtet hatte und hier immer noch wirkmächtig war, noch viel mehr. Den Gedanken, der einmal kurz in mir aufgeblitzt hatte, dass es vielleicht auch seine Frau oder feste Freundin gewesen sein konnte, die ihm dieses Nobelnest für besondere Zwecke eingerichtet haben könnte, schob ich endgültig beiseite. Allerdings zeigte sich Ernestine zumindest an diesem Nachmittag nicht.

Sie ließ sich nicht einmal blicken, als ich in das Arbeitszimmer ging, bei dem ich spürte, dass von Säbelschaft mir den Zutritt verbieten würde, schritt ihr Geist nicht ein. In diesem Zimmer sah ich mich auch nur kurz um. Lediglich den Schreibtisch aus gebeizttem Eichenholz betrachtete ich genauer und länger. An der linken Seite des Möbelstücks waren drei Schubladen und an der rechten gab es eine Tür. Irgendetwas sagte mir, dass die mittlere Schublade das Teil war, dass von Anfang an meine Aufmerksamkeit auf das Möbelstück gelenkt hatte, und ich mir merken musste, sie immer wieder zu betrachten. Diesmal steckte kein Schlüssel im Schloss der Schublade. Meine Aufmerksamkeit war geweckt aber nicht meine Neugier. Denn obwohl ich länger hinsah, spürte ich nicht die geringste Ungeduld in mir aufkommen.

Die Küche war der Hammer. Sie war in einem sehr unangenehmen Sinn das Glanzstück des Hauses. Hier gab es alles, was teuer und glänzend war, manches sogar in doppelter Ausführung. So standen gleich zwei Saftpressen nebeneinander. Beide waren von Ernestine mit einem Schild versehen worden. Auf der rechten stand Obstsaft und auf der linken Presse war in blau auf Gold Gemüsesaft zu lesen. Die Frauen, die hier nach der Sexarbeit kochen mussten, sollten sich in all dem Küchenprunk fehl am Platz und minderwertig fühlen, so viel stand fest. Und um dieser Absicht zumindest einmal zu widersprechen, und weil ich wusste, dass es Siegbert überhaupt nicht recht sein würde, dass ich hier vor getaner Arbeit gemütlich einen Kaffee schlürfte, ging ich zu dem einzigen Gerät, das mir wirklich gut gefiel, dem italienischen Kaffeevollautomaten und machte mir erst mal einen großen schwarzen Kaffee. Damit setzte ich mich an den Küchentisch und trank in aller Ruhe Kaffee.

Es war viertel nach fünf, als Siegbert von Säbelschaft die Wohnungstür aufschloss. Ich hatte richtig vermutet, dass auch er heute früher kommen würde, um mich gegebenenfalls dabei ertappen zu können, dass ich doch später kommen würde als er. „Felicitas?“, rief er fröhlich. „Ja!“, antwortete ich immer noch in der Küche sitzend mit einer och nicht ganz leeren Kaffeetasse vor mir. Als er in die Küche kam und sah, dass ich Kaffee trank, leuchteten seine blauen Augen wütend auf. Ich trank den letzten Schluck Kaffee, stand auf, brachte die Tasse in die Spülmaschine und trat auf von Säbelschaft zu. Die Gelassenheit, die ich dabei offenbar ausstrahlte, brachte ihn auf die Palme. Aber, als ich ihn ruhig ansprach und damit das erste Wort hatte, fiel sein Zorn in sich zusammen. „Siegbert, du willst, dass ich hier dreimal in der Woche auf dich warte, du willst, dass ich Sexarbeit für dich mache und für dich koche und die Geschichten über deine Geschäfte und dein Frauchen soll ich mir auch anhören, da muss ‚ne Tasse Kaffee im Vorab drin sein!“ „Aber Kaffee ist teuer!“ „Und darum bringe ich auch regelmäßig welchen mit. Da lass‘ ich mich nicht lumpen! Obwohl für jeden, der extra ins Haus kommt, um für einen zu arbeiten, ein Kaffee drin sein sollte!“ Ihm fiel keine Erwiderung ein. Er sah mich wie ein trotziges Kleinkind an. Schließlich drehte er sich um und ging ins Schlafzimmer. Ich folgte ihm. Als ich das Zimmer betrat, stand er unschlüssig vor einer offenen Truhe, die das vollständige Sortiment eines Sexshops zu enthalten schien. Schließlich wandte er sich von der Truhe ab und begann sich auszuziehen. „Mir fällt heute nix ein! Schlag vor, was wir machen. Hilf mir auf die Sprünge!“ Er grinste. An diesem Dienstag half ich ihm dreimal auf die Sprünge. Danach kochte ich Spaghetti Toni.

Du möchtest wissen, wie das Buch anfängt? – Hier geht’s lang:

Etwas Blaues braucht die Fee

Und hier findest du verschiedene Buchquellen, bei denen der erste Felicitasroman verfügbar ist:
Felicitas im Handel

Fortsetzung von geschlagen mit einem Erschlagenen

Als ich die Wohnungstür hinter mir schloss, begann von Säbelschaft durch die Zimmer zu schleichen. Bei seinem ersten Rundgang zeigte sich auf seinem Gesicht ein fast ängstlicher Ausdruck. Dann aber änderte sich seine Miene, obwohl er weiterhin übertrieben vorsichtig auftrat. Schließlich begnügte er sich nicht mehr damit herumzulaufen und sich skeptisch umzusehen. Er zog die Schubladen auf und sah hinein. Er öffnete die Türen der Schränke. Er sah sogar in den Kühlschrank und den Backofen. Und dabei sprach er ohne Unterbrechung halblaut mit sich selbst.

„Für so’ne große Frau reicht erstaunlich wenig Platz oder wie? So exotisch und doch so spießig, nicht zu glauben. Nach außen voll die kalte Sophie und so’n warmes Ambiente, unglaublich.“ Und so redete er in einem fort, ohne dass zu hören war, ob ihm die Widersprüche gefielen oder gegen den Strich gingen.

Was macht man, wenn einen so eine Nervensäge heimsucht. Ich jedenfalls legte mich gemütlich auf mein rotes Sofa im Wohnzimmer und tat als ob mich sein Getue überhaupt nicht störte. Und ich bin mir sicher, dass er Mühe hatte, sich von meiner Gelassenheit nicht auf die Palme bringen zu lassen.

Schließlich ging er in die Küche, setzte sich an den Tisch und seufzte: „Jede Andere hätte mir ‚ne Szene gemacht!“ Ich sagte nicht, stand auf und ging ebenfalls in die Küche. „Was ist los mit dir, warum regst du dich nicht auf?“ „Ich reg‘ mich nur sehr selten auf!“, erwiderte ich und sah ihm mit einem prüfenden Blick in die Augen. Heute würde er keinen Sex haben wollen. So viel stand fest. „Kaffee?“ „Wenn’s einer ist, der Tote aufwecken kann, dann ja!“ „Woher soll ich das wissen, ob er das kann. Hab noch keinen Toten hier zu Besuch gehabt, dem ich meinen Kaffee hätte anbieten können!“ Ich grinste, obwohl mir nicht danach zu Mute war, denn ich spürte plötzlich, wie ein kalter Hauch vom Wohnzimmer her in meinen Rücken zog, bis zum Nacken hinauf kroch, wo er so lange saß, bis ich mich in Richtung Kaffeemaschine in Bewegung setzte.

Als ich die Kaffeemaschine anschaltete, sah von Säbelschaft auf seine Armbanduhr und jammerte: „ich hab’ auch Hunger. Krieg’ ich denn hier nichts zu essen?“ „Vom Mittagessen mit Sybille sind noch Kartoffeln da. Wie wär’s denn mit Bratkartoffeln und Rührei?“ „Gibt’s auch den Schafskäse dazu?“ „Der ist für morgen Mittag!“ Ich dachte nicht im Traum daran, ihm eines meiner Lieblingsgerichte aus Kindertagen, Bratkartoffeln, mit Tomate, Rührei und Schafskäse, wie es meine Mamita gemacht hatte, in den gierigen Schlund zu werfen und schon gar nicht in meiner eigenen Wohnung. Zunächst saß er mit beleidigter Miene da. Doch als ich mich ihm gegenüber hinsetzte, um Zwiebeln, Kartoffeln und Tomaten zu schneiden, sah er mich streng an und meinte: „Du bist scheiße frech und unverschämt! Eigentlich müsste man dich erst mal nach Strich und Faden verwimsen!“ Ich hielt seinem Blick stand und gab zurück: „Danke gleichfalls! aber bei dir wird’s wohl nicht mehr helfen, dir den Arsch zu versohlen. Deine Mutter hat dir wohl gar keine Manieren beigebracht, Adel hin oder her!“
Von Säbelschaft zuckte zusammen fing sich aber schnell wieder. Er beobachtete fasziniert, wie ich die Lebensmittel schnitt. Schließlich meinte er mit übertrieben versöhnlichem Ton in der Stimme: „Flink und präzise wie ‚ne Meisterköchin!“

Ich stand auf, gab etwas Fett in die Pfanne und stellte den Herd an. Der Kaffee war fertig, und ich schenkte uns meinen Spezialkaffee aus, von dem ich immerhin wusste, dass er Untote nach durchzechter Nacht oder nach Überarbeitung aufwecken konnte.

„Eins muss ich dir sagen, Felicitas! In manchen Dingen hast du wirklich keine Spur von Kultur. Kaffee in Sammeltassen mit Hundemotiven, das ist wirklich das Letzte!“ Nichts desto trotz nahm er einen großen Schluck aus seiner Tasse und Für einen winzigen Augenblick war ein genießerischer Ausdruck in seinem hellen Gesicht zu sehen. „Naja, ganz ordentlich!“, meinte er schließlich und auf seinem Gesicht war wieder ein sehr skeptischer Ausdruck zu sehen.

Endlich war auch das Essen fertig. Ich gab ihm eine große Portion aus der Pfanne und stellte ihm den Teller hin. Er wartete nicht, bis ich zum Herd gegangen, mir den kläglichen Rest auf einen Teller getan hatte und zum Tisch zurückgekommen war, um eine Kleinigkeit mitzuessen. Als ich ihm wieder gegenüber saß, funkelte Gier in seinen Augen. Und es war klar, dass sich diese nicht nur auf das Essen bezog. „ErzÄhl mir was von dir. Wo kommst du her? Wie lange und warum bist du schon Hure?“

Ich zog die Tischschublade auf und holte das Foto, das Lola im August 1990 am Strand von Katalonien von mir gemacht hat, und von dem ich mehrere Abzüge an verschiedenen Stellen meiner Wohnung liegen hatte, als handfeste Erinnerung an eine der besseren Zeiten. Ich hielt es Siegbert hin. „Was glaubst du, wie alt ich da bin?“, fragte ich ihn. Er zuckte mit den Achseln. „Ich hab’ keinen Bock auf Ratespielchen!“, gab er unwillig und genervt zur Antwort.

„Das ist im August 1990 gemacht worden und zwar von meiner Freundin Lola. Ich war zwölf. Sie hat mich mitgenommen nach Katalonien und später nach Mallorca. Ich musste weg von da, wo ich herkomme. Meine Mamita war Ende Juli überfahren worden. Und bei meinen Verwandten, meiner Geschichte und bei einigen anderen Sachen konnte ich nicht bleiben. Zuerst habe ich als Dienstmädchen in einem großen Hotel gearbeitet. Falsche Papiere hatte ich ja. Das war eine gute Zeit. Ich konnte für mich sorgen, kannte tolle Frauen auf der Straße und wurde nicht von meiner Verwandtschaft oder sonst jemandem genervt oder unterdrückt und verachtet. Ende 1994 wurde Lola schwer krank. Sie war natürlich nicht versichert. Also musste Geld her! Damit Lola eine gute Krebsbehandlung in ‚ner Spezialklinik in Barcelona bekommen konnte, hab‘ ich dann angefangen anschaffen zu gehen!“

„Da hast du dich im wahrsten Sinn des Wortes ganz schön krumm gelegt und das für ‚ne alte, abgewrackte Nutte!“, sagte von Säbelschaft und schickte seinen unverschämten Worten Noch ein kurzes, fettes Ziegenlachen hinterher, das ich in den nächsten Monaten noch häufiger zu hören bekommen sollte. Wenn ihm nichts mehr einfiel, oder wenn er sich nicht mehr zu helfen und zu wehren wusste, schlug Siegbert von Säbelschaft oft mit Spott um sich. Aber ich kann mich nicht erinnern, dass er mich auch nur ein einziges Mal voll getroffen hat. Mancher dieser Schläge streifte mich zwar aber die meisten gingen an mir vorbei wenn auch nur knapp. Diesmal ging der Schlag so weit ins Aus, dass es mir überhaupt nicht schwer fiel nicht zu reagieren.

„Lola ist nach eineinhalbJahren gestorben. Sie war eine Kämpfernatur und hat sich tapfer geschlagen. Und immerhin konnte sie friedlich sterben! Ende 1996 bin ich wieder nach Deutschland zurückgekommen. Und seit März 1998 arbeite ich hier im Aphrodite!“
„Was ist mit deinem Vater?“
„Ich bin das Produkt einer Vergewaltigung. Mein Erzeuger zog es vor sich mit einer Maske als Täubchen zu tarnen und hat das Glück der Doofen, dass ich genauso aussehe wie meine Mamita und Abuella Isabel. Ansonsten wäre er wohl enttarnt worden. Mehr gibt es über das Arschloch nicht zusagen!“

Meine Worte müssen sehr hart und entschlossen geklungen haben, denn von Säbelschaft sah plötzlich aus wie ein Huhn, wenn es donnert. aber ich setzte nach. „Mehr werde ich dir nicht von mir erzählen und vor allem über meinen Erzeuger werde ich kein weiteres Wort mehr verschwenden! Ist das klar?“ Siegbert nickte halbherzig. Aber ich wusste, dass er immer wieder versuchen würde, meiner vollkommen habhaft zu werden, auch über meine Lebensgeschichte.

„Hast du eigentlich einen Künstlernamen?“, fragte er nach einer kurzen Pause. „Nein, eigentlich nicht! Und nenn’ mich bloß nicht Lici! Denk dran, es hat schon Männer gegeben, die Kurtisanen verärgert haben und als Eunuchen ihr Leben beenden mussten!“ Es gelang mir tatsächlich einen scherzhaften Ton der ganz derben Sorte anzuschlagen. Aber ich sah Siegers Gesicht doch an, dass wenigstens diese Botschaft bei ihm angekommen war. und tatsächlich hat er es nie gewagt, Lici zu mir zu sagen.

Schließlich stand ich auf und räumte das Geschirr in das Spülbecken. Danach ging ich ins Wohnzimmer, griff in mein Bücherregal, nahm Vita brevis von Jostein Garden heraus und hielt es von Säbelschaft hin, der mir gefolgt war und hinter mir stand. „Wenn du willst und es dir nichts ausmacht, einen „gebrauchten Spitznamen“ zu benutzen. Dann nenne mich Floria wie die angebliche Exgeliebte des Augustinus in diesem Buch heißt!“

Von Säbelschaft schlug das Buch auf. „Da ist noch nicht mal ‚ne Widmung drin. Von wem hast du das?“ „Von meinem besten Kunden und Freund. Der heißt Leo!“ „Der Name ist besser für dich als der Offizielle. Das musst du nicht verstehen. Das ist einfach so! Also Floria, da gibt es noch eine Sache, die du wissen musst. Ich bestehe darauf, dass du eher in meiner Zweitwohnung aufschlägst als ich, damit du das Ambiente so herrichten kannst, wie ich es will. Der entsprechende Zettel wird immer am Kühlschrank hängen, klar?“ „Ist gebongt!“

In diesem Augenblick klingelte das Haustelefon. Ich sah auf die Uhr. Es war genau neun Uhr. Ich spürte, dass von Säbelschaft mit den Hufen scharrte und gehen wollte. „Tschüss dann!“, sagte ich und ging ans Telefon in der Küche. Sybille war am Apparat und erinnerte mich an meinen Nächsten Termin um viertel nach neun.

Als ich nach dem Telefonat ins Wohnzimmer zurückkam, war von Säbelschaft verschwunden. Vita Breis lag auf dem Tisch. Und als ich mich umsah, entdeckte ich die Statue der afrikanischen Fruchtbarkeitsgöttin, die von Säbelschaft auf den Schrank gestellt hatte. Ich hatte ihm keine Beachtung geschenkt, dem Rucksack, den von Säbelschaft bei sich gehabt hatte, aber jetzt wusste ich, wozu er ihn gebraucht hatte. Und jetzt wusste ich auch, dass er mich wirklich als seine Sexarbeiterin bestellt hatte.

Ich Setzteich auf mein Sofa und sah zur Wohnzimmertür. Ich sah und spürte dort den Geist einer Frau stehen, die einfach dastand und mich mit demselben skeptischen Blick musterte wie Siegbert von Säbelschaft es so häufig tat. Und der Blick war wohl nicht der einzige Grund, warum ich wusste, dass da seine Mutter stand, obwohl sie sich als sehr junge Frau zeigte. „Freiherrin Ernestine, Franziska, Gertrudes, Hildegunde von Säbelschaft geborene von Kollenberg!“, sagte sie grußlos. „Und was wollen Sie?“ „Ich warne dich! Sei zu meinem Sohn, wie er es will und tu ihm auf keinen Fall irgendetwas an. Denn ich bin auch noch da!“ Und sie war nicht allein. Aber ich merkte auch, dass sie sich nicht näher an mich heranwagte. Auch ich war nicht allein. Der gute Geist von Oma Isabel hielt sie so gut in Schach wie es möglich war. Und sie würde in ihren Bemühungen nicht nachlassen.
Du möchtest wissen, wie das Buch anfängt? – Hier geht’s lang:

Etwas Blaues braucht die Fee

Und hier findest du verschiedene Buchquellen, bei denen der erste Felicitasroman verfügbar ist:
Felicitas im Handel

Geschlagen mit einem Erschlagenen

0005. Hohlburg, Samstag 26. Februar 2000

Es ist immer noch keine Post für mich gekommen. Aber ich habe genug zu lesen. Und inzwischen habe ich einen großen Korb mit Wolle, sehr gute Strumpfwolle ist auch dabe, bekommen. Bei manchen Geschenken fragt man sich besser nicht, woher sie kommen. Jedenfalls hat mir Frau Finke den Korb nach dem Hofgang gegeben.

Aber nachdem schon ein Paar Strümpfe fertig sind und ich zwei Märchen aus tausendundeiner Nacht gelesen habe, ist es jetzt an der Zeit endlich über Siegbert von Säbelschaft zu schreiben. Mit diesem Kerl war ich zu seinen Lebzeiten geschlagen und jetzt, da er tot ist, bin ich erst recht mit ihm geschlagen und nicht nur, weil ich verdächtigt werde, diejenige zu sein, die ihn erschlagen hat. Wenn jemand, mit dem man nicht einfach nur regelmäßig zu tun hat, der einen wirklich was angeht, plötzlich verschwindet oder stirbt, dann ist das immer ein schlagendes Argument dafür, dass man sich mit ihm ganz neu zu befassen hat.

Siegbert von Säbelschaft schlug am 01. Oktober des vergangenen Jahres zum ersten Mal in der Bar des Aphrodite auf. Obwohl er keinen Lärm oder heftigen Luftzug verursachte, als er die Bar betrat, ist aufschlagen das passende Wort. Es gibt eben Menschen, deren Art es einfach ist, aufzuschlagen oder hereinzuplatzen, wenn sie einen Raum betreten. Das hat irgendwas mit dem Platz zu tun, den sie um sich brauchen, mit Verdrängung und Ausstrahlung. Aber natürlich wissen solche Menschen auch, wie sie diesen Effekt noch verstärken können. So war es selbstverständlich kein Zufall, dass Siegbert von Säbelschaft bereits um kurz nach sechs in die Bar kam. Auf diese Weise war sicher gestellt, dass noch nicht viel los war, sodass jeder, der die bar betrat, einfach auffallen musste.

Alle Anwesenden sahen ihn an, als er eintrat. Mein erster Eindruck war, dass er mit seinem blonden Haar, den leuchtend blauen Augen, seinem hellen Gesicht und der art, wie er sich bewegte, ein leuchtendes Beispiel für einen geborenen Blender war und wie gut er es vermochte die Aufmerksamkeit, die ihm geschenkt wurde und die Beachtung, die ihm entgegen gebracht wurde, in sich aufzusaugen und sich damit im wahrsten Sinn des Wortes aufpumpen zu können. Schade, dass auf diese Art niemand platzen kann. Denn dann wäre einigen von uns viel erspart geblieben! „Für den ersten Eindruck gibt es keine zweite Chance!“, so heißt es doch. Aber, was heißt das schon? Denn auch für jeden weiteren Eindruck gibt es keine zweite Chance. Und so war es natürlich auch mit dem zweiten Eindruck, den ich von ihm hatte. Er sah sich in der Bar um. Und wie sein Blick neugierig durch den Raum schweifte, wurde das helle Strahlen, das von ihm ausging, immer wieder durch unterschiedliche dunkle Flecken unterbrochen, von denen man nicht sagen konnte, woher sie kamen, und die man nicht einmal ansatzweise beschreiben konnte. War er mir auf den ersten Eindruck unsympathisch gewesen und hatte mich das, was ich zuerst gesehen hatte, gewarnt, so stellte der zweite Eindruck mein Habachtprogramm auf die höchste Stufe ein.

Siegbert von Säbelschaft kam an die Theke und bestellte bei Sybille einen Bordeaux. Und mit dem Glas in der Hand ging er geradewegs auf den Tisch zu, an dem die Wagenknechts saßen. Das war kein gutes Zeichen. Denn es bedeutet, dass von Säbelschaft auf Empfehlung eines Freiers gekommen war, der den Besuchsservice in Anspruch nahm, gekommen war. Normalerweise bedienen die Huren im Aphrodite ihre Kunden in ihren Apartments. Seit Anfang 1999 räumen die Wagenknechts einigen Kunden jedoch das Recht ein, Frauen dorthin bestellen zu Dürfen, wo sie bedient werden wollen. Bislang geht das noch gute. Aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis es Ärger mit den „freischaffenden Nutten“ geben wird.Außerdem haben die Wagenknechts kein gutes Händchen dafür, wem sie diesen Spezialservice gewähren. Zumindest die Chefin müsste es besser wissen und sich nicht nur auf eine Empfehlung verlassen. Sie war ja schließlich auch mal eine von uns. So empfehlen abartige Vögel eben nur andere abartige Vögel. Und der von Säbelschaft sollte sich als der abartigste Vogel von allen herausstellen.

Der dritte Eindruck, den ich von von Säbelschaft hatte, war seine Stimme bei der Bestellung gewesen. Es war die Stimme eines geborenen Intriganten und Verschwörers. Und dieser Eindruck verstärkte sich noch, als er sich zu den Wagenknechts an den Tisch setzte, nachdem er sie kurz begrüßt hatte. „Ich komme auf Empfehlung von Petrus von Pattberg!“, sagte er mit relativ leiser Stimme aber so nachdrücklich, dass es zumindest die meisten Anwesenden nicht überhören konnten, obwohl Musik im Hintergrund lief. Die Gespräche waren ohnehin verstummt, als er hereingekommen war. Beide Wagenknechts nickten ihm zu.

Bevor er weiter sprach, nahm er einen Schluck aus seinem Glas. „Ich brauche ein Täubchen, dass mich dreimal in der Woche in meiner Zweitwohnung besucht! Was absolut Zuverlässiges! Eine mit viel Erfahrung als Sexarbeiterin, die vor nix fies ist! Sie wissen schon, was ich meine!“ Das sagte er immer noch in diesem leisen und nachdrücklichen Ton. Dazu grinste er breit und unverschämt, was seinen jungenhaften und leuchtenden Zügen alles andere als gut zu Gesicht stand. „Um die Bezahlung müssen Sie sich selbstverständlich keine Sorgen machen. ich bin Notar und Anwalt für Wirtschaftsrecht mit eigener Kanzlei und Einkünften aus dem elterlichen Unternehmen.“ Nachdem er das gesagt hatte, flüsterte er den Wagenknechts irgendetwas zu, das nur sie verstehen konnten. Sybille beugte sich zu mir herüber und zischte mir zu: „Scheiße! Jetzt handelt der auch noch Sonderkonditionen aus wie sein Busenfreund, der von Pattberg!“ „Die, die der sich aussucht, muss nicht nur auf der Hut sein, was die Bezahlung betrifft. Der Typ ist ‚ne absolut linke Sau!“, erwiderte ich. „Früher hatten die Frauen auch in diesem Haus das letzte Wort, was die Freier betraf und die Securities hatten noch mehr Biss und waren richtig gut auf dem Posten!“, meinte Sybille und tiefes Bedauern stand in ihrem Gesicht geschrieben.

Weiter kamen wir nicht. Denn Siegbert von Säbelschaft war aufgestanden und hatte begonnen die Bar zu durchstreifen, um uns nacheinander prüfend anzusehen, welche von uns das Elend ereilen sollte, ihn zumindest in der nächsten Zeit dreimal in der Woche zu bedienen. Er hatte zwei Runden durch die Bar gedreht, als er sich plötzlich neben mich stellte und schmeichelnd fragte: „Guten Abend, wie heißt du denn meine Schöne?“ „Guten Abend Siegbert! Ich bin die Felicitas!“ Er schwang sich auf den leeren Barhocker, der neben meinem stand. Dabei gab er eine äußerst elegante Figur ab. Seinem Gesicht war anzusehen, dass er sich meine Stimme anders vorgestellt hatte und überrascht war. Dass ich aber auch sehen konnte, das ihm gefiel, was erhörte, veranlasste mich aber nicht meinen Habachtmodus herunterzufahren. „Was magst du trinken, Felicitas?“ „Ein Altbier bitte!“ „Keinen Champagner oder Sekt?“ Ich schüttelte den Kopf. Und da er mich ungläubig ansah, schenkte ich ihm reinen Wein ein und sagte: „Für mich sind Campus und anderer Sekt nur Sprudelwasser mit Alkohol. Ich trinke das Zeug nur, wenn jemand drauf besteht. – Vollkommen überbewertet das Zeug!“ Siegbert grinste und ich konnte ihm ansehen, wie froh er darüber war, dass ich keinen Sekt wollte. „Ein Altbier und ‚nen Whisky!“, rief er Sybille zu.

Als die Getränke vor uns standen, begann er leutselig zu plaudern und mich dabei auszuhorchen. Er sagte, dass mich die Chefin wärmstens empfohlen hatte und wollte wissen, wie lange ich schon als Prostituierte und hier im Aphrodite arbeitete. Das war nichts Ungewöhnliches. aber mir fiel auf, wie ungeduldig er war, und dass ich ihn offensichtlich aus dem Konzept brachte. Es machte den Eindruck als ob er irgendeine festgelegte Vorgehensweise im Umgang mit Huren hatte, die er aber bei mir aus irgendeinem Grund nicht anwenden konnte.

Schließlich gab er die Bemühung wie ein „herkömmlicher“ Freier zu wirken, auf. Und dann wurde sein Verhalten richtig merkwürdig. Er setzte eine geschäftsmäßige Miene auf und erklärte mir in ebenfalls geschäftsmäßigen Ton, wie er weiter vorzugehen gedachte: „Mit uns wird das jetzt folgendermaßen weitergehen. Gleich gehen wir zu dir nach oben. Ich sehe mir immer die Behausungen der Sexarbeiterinnen an, die das Privileg haben für mich arbeiten zu dürfen. Das hat sich als die beste Art herausgestellt, sich über dich und deinesgleichen gründlich zu informieren. Erst, wenn ich gesehen habe, wie du lebst und drauf bist, gebe ich dir den Schlüssel für meine Zweitwohnung, wo du mich dienstags, donnerstags und samstags besuchen darfst und zwar immer um halb sechs. Ich hoffe, du kannst kochen. Denn nach dem Sex und einer kleinen Ruhepause habe ich Hunger und zwar nicht nur auf was zu essen sondern auch auf eine anständige Unterhaltung.“ „Wenn der Kühlschrank was für ‚ne gute Hausmannskost mit mediterranem Einschlag gefüllt ist, kommen wir diesbezüglich auch ins Geschäft.“ „Du gefällst mir immer besser!“, sagte er wieder in diesem ekelhaften schmeichelnden Ton. „Du mir nicht!“, dachte ich sagte aber natürlich nichts. „Da ist noch etwas, dass du wissen musst. Ich bin gegen manche Gummis und/oder Gleitzeug allergisch. aber ich habe immer die passenden Sachen im Haus. Und ich bestehe darauf, dass das genommen wird, was ich habe!“ „Kein Problem!“, erwiderte ich, obwohl mich ein ungutes Gefühl beschlich bei dem, wie er das, was er gesagt hatte, von sich gegeben hatte.

Man kann gegen alles allergisch sein. Und ich hatte mindestens noch zwei Kunden, die bezogen auf die Gummis auf einer bestimmten Marke bestanden. Aber irgendetwas stimmte da nicht. Doch nichts Genaues kann man nicht genau wissen, und weil das so ist, kann man oft auch nichts dagegen tun. Mir blieb nichts weiter übrig als aufmerksam zu sein.

Bei einem weiteren Glas Altbier und einem zweiten Whisky, den Siegbert trank, plauderten wir weiter. Und ich wurde das Gefühl nicht los, dass er mich mit einer mir bis dahin unbekannten Art von Misstrauen prüfte. Nach und nach verschwand das Misstrauen. Und an seine stelle trat eine Neugier, die sich merkwürdig steril anfühlte, etwas wie einen professionellen Anstrich hatte als ob er ein Kaufmann, ein Warenprüfer oder ein Wissenschaftler wäre. Und ich begann mich immer mehr wie ein Versuchskaninchen vor. Aber auch das konnte ich nicht genau genug fassen, um mich dagegen wehren zu können.

Schließlich war auch sein Whisky leer. Und mehr für die Wagenknechts bestimmt als für mich sagte er: „Lass uns jetzt zu dir ‚raufgehen!“

Als wir gemeinsam die Bar verließen, schaffte ich es den Anschein zu erwecken, dass alles normal lief wie immer, dass ich mit einem gewöhnlichen Freier zu mir nach oben ging. Ich hatte schon, als Siegbert von Säbelschaft sich neben mich gesetzt hatte, beschlossen, die Herausforderung anzunehmen. Irgendetwas in mir sagte mir, dass es schlimm werden würde, dass es aber schlimmer sein würde, wenn ich versuchen sollte, ihm auszuweichen und abzuweisen. Körperlich hatte ich nicht die geringste Angst vor ihm. Er mochte sich aufblasen wie er wollte. Er war ungefähr fünfzehn Zentimeter kleiner als ich, ein mickriges Würstchen. Und jetzt musste er erst einmal in die Höhle der Löwin. Das hatte er selbst gewollt. Dann sollte er es auch haben.

Du möchtest wissen, wie das Buch anfängt? – Hier geht’s lang:

Etwas Blaues braucht die Fee

Und hier findest du verschiedene Buchquellen, bei denen der erste Felicitasroman verfügbar ist:
Felicitas im Handel

Herzlich willkommen auf tausendundein Prosaik! Hier entsteht Nach und nach der aktuelle Netzroman von Paula Grimm