Fortsetzung von guter Mond, du gehst so stille

0003. Hohlburg, Donnerstag, 24. Februar 2000

Seit heute Nachmittag habe ich die Zelle für mich allein. Was verrückt ist, ist, dass die Zelle ohne Valeria kleiner wirkt als zuvor. Die kleine Halbitalienerin war eine angenehme Zeit- und Zellengenossin. Seit gestern habe ich das Gefühl, dass sie sich inzwischen so gut wie möglich und besser als viele andere mit ihrer Neuen Situation abgefunden hat. Im Grunde ist sie eine Stoikerin und weiß deshalb wie man sich abfindet, wie aktiv man dafür sein muss, wie anstrengend es ist. Und weil sie eine Stoikerin ist, haben wir uns wohl auch so gut verstanden. Erstaunlich schnell war da mehr als der Schutz, den ich ihr gewähren konnte. Heute Morgen musste ich mich dazwischen stellen, als Greta sich auf Valeria stürzen wollte. Greta dreht vollkommen am Rad, weil morgen ihr Urteil verkündet wird. Sie wird sicherlich in den Frauentrakt von Hohlburg-Hacktal verlegt. Auf uns trifft also zu, dass man sich immer zweimal im Leben trifft. Sie ist wegen Anstiftung zum Mord zur Verdickung mehrerer Straftaten wie Raub und Betrug angeklagt. Und in Hohlburg-Hacktal warten schon einige Freundinnen und Kolleginnen auf sie. Dort wird sie nicht ohne Schutz und Handlanger sein. Sie ist eine gefährliche Gegnerin. Wenn ihr jetzt nicht der Arsch auf Grundeis ginge, hätte sie sich besser im Griff gehabt und niemanden angegriffen.

Eigentlich komme ich hier gut zurecht. Viele Dinge, die andere stören, machen mir nichts oder noch nichts aus. Mir ist die Zelle nicht zu klein, obwohl sie ohne die Gesellschaft von Valeria kleiner geworden zu sein scheint. Die Gitter vor dem Fenster stören mich auch nicht. Wenn ich sie sehe, bin ich aber immer noch erstaunt darüber, dass es in modernen Justizvollzugsanstalten immer noch Gitter vor den Fenstern gibt. Mich wundert, dass es noch keine andere Möglichkeit zu geben scheint, Inhaftierte davon abzuhalten aus dem Fenster zu fliehen.

Der Mond ist durch mein Fenster nicht zu sehen, nicht einmal verschandelt durch das quadratische Muster der Gitter und das, obwohl der Himmel heute Nacht hin und wieder und dann für mehrere Minuten aufklart. Dass ich im „hohen Norden“ bin und den Mond nicht sehen kann, ist etwas, was mich allerdings sehr stört und mich traurig macht. Aber bevor ich anfange Trübsal zu blasen, geht es weiter im Text über das, was ich ab Samstagabend erlebt habe.

Ich knipste die Deckenlampe in meinem Wohnzimmer an. Das machte ich auch mit links. Die Bewegung ging mir ganz leicht von der Hand, obwohl mir immer noch klar war, dass es darum ging, mich einer vollkommen neuen und schlimmen Situation zu stellen. Ich schaltete das Licht an und augenblicklich war der Zauber der Ruhe gebrochen.

Obwohl den anderen Leuten im Raum durch mein Eingreifen eine Atempause zuteil geworden war, war überdeutlich zu spüren, dass sie den Zauber des Mondlichts als Spuk empfunden hatten, der nun endlich vorbei war. Scheinbar vom Deckenlicht geblendet mussten alle erst einmal blinzeln. Als ob sie gerade aufgewacht wären, steckten sie sich und traten auf der Stelle, an der sie wie angewurzelt gestanden hatten, herum. Der Polizist war der Erste, der ganz zu sich kam.

„Felicitas Haechmanns?“, fragte er mit sehr grobem Unterton in der Stimme. Zuvor war er ganz dicht an mich herangetreten und hatte mit seiner großen Nase tief eingeatmet. Ein Schnüffler im wahrsten Sinn des Wortes, der sich immer wie ein Schwein benahm wollte sich aber wie ein scharfer Spürhund vorkam, hatte mir gerade noch gefehlt. Bisher hatte ich noch keine schlechten Erfahrungen mit Polizisten gemacht, obwohl ich natürlich nicht schon immer in einem der besseren Bordelle arbeiten konnte, und obwohl die altgedienten Bullen von der Guardia Civil, mit denen wir es Mitte der 90er in Barcelona zu tun hatten, wirklich scharfe Hunde waren. Mit denen konnte man zurecht kommen, wenn man „sauber“ war und bei Razzien keine Mätzchen machte. Außerdem wusch eine Hand die andere. Schließlich gibt es überall Bullen, die auf Nutten stehen und Professionelle, die besonders auf Typen in Uniform abfahren. So kann man Ärger oft schon vermeiden, bevor er überhaupt entsteht, wenn man die richtigen Leute zusammenbringt.

Als Antwort auf die Frage des Bullen nickte ich einfach nur. Er nahm seinen Riechkolben nicht weg von mir, holte wieder tief Luft mit seinem Zinken und sagte: „Burggraf, Polizei Hohlburg! Können Sie sich ausweisen?“ Der Tonfall in seiner Stimme hatte sich nicht geändert. Ich sah seine Kollegin an, zeigte mit der rechten Hand auf die Handtasche, die am Griff des Wohnzimmerschrankes hing und antwortete: „Da ist alles drin, was Sie brauchen!“ Ohne zu zögern nahm die Beamtin meine Handtasche und nahm meinen Personalausweis heraus.

Ich sah, dass es dem Schnüffler und meiner Kollegin Claudette ganz und gar nicht schmeckte, Dass durch diese Aktion sein Auftritt versaut worden war. Das Maß, in dem Claudette diese vermeintliche Supernase anhimmelte, weil der Typ eine Uniform anhatte, war genauso offensichtlich wie er peinlich war. Aber das war einzig und allein ihr Problem. Als ich auf meinen Personalausweis in der Hand der Polizistin sah, fiel mir Plötzlich etwas ein. „Gucken Sie doch mal nach, ob in meiner Tasche nicht zufällig ein Fläschchen ist!“ Die Frau schüttelte den Kopf und sagte mit rauerStimme: „So was war da nicht drin!“

Der Schnüffler sah die Gelegenheit wieder die Führung zu übernehmen, die Situation zu beherrschen. „Was soll das für ein Lügenmärchen werden? Wollen Sie uns jetzt weismachen, dass man Sie unter Drogen gesetzt hat und Ihnen das Zeug hinterher untergeschoben hat?“ Am liebsten wäre er mir noch mehr auf die Pelle gerückt oder in den Pelz gekrochen, um eine der Wahrheiten zu finden, die er verstehen konnte, und die ihm in den Kram passte. Natürlich sollte es so sein, dass der Fall nicht viel Arbeit machen würde.

Immerhin machte Burggraf sich die Mühe und war so pflichtbewusst, dass er mich über meine Rechte aufklärte. Dabei sagte er auch, was mir das Mondlicht längst eingeleuchtet hatte, dass ich dringend tatverdächtig war, einen Totschlag zu Ungunsten von Siegbert von Säbelschaft begangen zu haben. Zumindest verfügte er über so viel Spür- und Scharfsinn zu begreifen, dass ich ihm das Aktionsfeld keineswegs kampflos überlassen würde. Und es war höchste Zeit die Fakten, die mir das Mondlicht eingeleuchtet hatte, auf den Boden der Tatsachen zu stellen und auf ihre Tragfähigkeit für mich selbst zu prüfen.

Ich trat einen Schritt zurück, hielt meine linke so als ob ich meine Stahlfeder in der Hand hätte und stellte mir vor, dass ich das aufschreiben würde, was ich sagte. Das mache ich so seit dem ich am 27. Juli 1990 beschlossen hatte, den Mund aufzumachen, die Fressleiste nicht nur zum Essen und zum Trinken zu gebrauchen, nicht mehr alles unwidersprochen zu schlucken.

Mit Federleichtigkeit konnte ich ihm ins Gesicht sagen, was ich zu sagen hatte. „Ich bin um viertel nach zwei nach unten gegangen, um einen Kaffee zu trinken. Das mache ich jeden Tag. Zwischen viertel nach zwei und viertel vor drei gehe ich nach unten, um Kaffee zu trinken und mit Evelyn zu klönen. Das weiß jede und jeder hier. Und ich schließe die Tür nie ab. Jeder kann ‚rein, weil die Türen hier Klinken haben. Und das der Säbelschaft irgendwann kommen würde, um mir die Hölle heiß zu machen, pfeifen seit Dienstagabend die Spatzen von den Dächern. Und ich bin sicher nicht die Einzige, die mit dem ein Problem hatte.

Jedenfalls war heute unten ganz schön viel Betrieb. Ein reizendes Betriebsklima war das! Unsere Türsteher haben ihre Arbeit auch schon mal viel besser gemacht. Das Weib von diesem von Säbelschaft war auch da und hat ‚nen Streit vom Zaun gebrochen. Na, wie dem auch sei! Weil viel zu tun war, hab‘ ich der Evelyn versprochen in der Waschküche die Hauswäsche zu machen, hab’ meinen Kaffee ausgetrunken und bin zur Waschmaschine gegangen. Mir wurde schon leicht schwindelig, als ich den Wäschekorb vor die Maschine gestellt habe. Als ich mich gebückt habe, um einen Teil der Wäsche in die Trommel zu tun, musste ich mich an der Waschmaschine festhalten, um nicht umzukippen. Weil mir nicht besser wurde, hab’ ich mich einfach auf den Boden gelegt. Denn, was liegt, kann wenigstens nicht mehr fallen. Und dann war Filmriss! Zu mir gekommen bin ich ganz plötzlich. Ich glaub’ mich hat ein Luftzug eiskalt erwischt. Zuerst habe ich keine Ahnung gehabt, wo ich war und wieviel Zeit vergangen war. Ich hab’ mich umgesehen, aufgerappelt und auf die Uhr geguckt, die über der Waschmaschine hängt. Es war zwanzig vor sieben. Ein Bisschen flau war mir noch. Ich hab’ dann die Waschmaschine fertig gemacht und den Rest kennen Sie ja!“

„Dieses Märchen nimmt Ihnen doch niemand ab!“, knurrte der Schnüffler. „Das weiß ich doch! Aber ein Märchen ist es trotzdem nicht!“ „Sie halten wohl besser den Mund, anstatt sich um Kopf und Kragen zu reden!“ „Kopfüber über die Klinge springen soll ich doch sowieso! Da macht’s doch in gewisser Weise keinen Unterschied, ob ich was sage oder nicht. Ich tue immer, was ich kann. Und ich kann was dazu sagen. Also tue ich das auch!“ „Wenn Sie meinen! Und alles, was Sie sagen, – den Rest kennen Sie ja auch!“

„Wer kennt ihn nicht den Rest?“, antwortete ich, ließ dann eine kurze Pause entstehen und sagte dann: „Und was den Rest angeht, den ich erlebt habe, können wir das wohl auf Ihrer Wache besprechen, dann müssen Sie nicht alles behalten, was ich zu sagen habe. Die Zeugen, ähm, meine Chefin und meine Kollegin wissen schon, was da los war. Ich gehe freiwillig mit. Aber, wenn Sie’s für Ihren Auftritt brauchen, können Sie mir auch die Acht anlegen!“ „Nicole, auf Waffen prüfen!“ Seine Kollegin befolgte seinen Befehl. „Sauber!“, sagte sie schließlich. Mit einem kurzen Blick auf die Garderobe im Flur forderte er mich auf meinen Mantel anzuziehen. Als ich mich angezogen hatte, kam er und legte mir die Handschellen an.

Zu dritt verließen wir meine Wohnung. Als ich zwischen den beiden Beamten den Flur entlang ging, kamen uns Leute mit Koffern entgegen. Die Spurensicherung war also auch endlich da.

„Nicole, du fährst!“, befahl Burggraf. Auch diesen Befehl befolgte die Frau widerspruchslos. Das bedeutete, dass Burggraf während der Fahrt, die 25 Minuten dauerte neben mir saß. Er ließ mich nicht aus den Augen. Und die ganze Zeit versuchte er mich auszufragen. Und ich versuchte den Mond zu sehen. Aber wir fuhren durch die Stadt, deren Straßen, Geschäfte und Häuser zu hell beleuchtet waren, um den Mond in seinem „rechten Licht“ sehen zu können.

„Sie scheinen nicht bei all Ihren Kolleginnen beliebt zu sein. Woher kommt das?“ „Wer seine Arbeit gut macht und gut verdient, hat immer Neider!“, dachte ich sagte aber nichts. „Und was ist da genau zwischen Ihnen und Siegbert von Säbelschaft abgelaufen?“ Hatte ich mich nicht klar und deutlich ausgedrückt, dass ich das erst sagen würde, wenn das Protokoll gemacht werden würde? „Ihre Talente nicht nur, was die sexuellen Services betrifft, scheinen sehr vielseitig zu sein, können alles Mögliche reparieren, kennen sich mit Tieren und Pflanzen aus, beherrschen mehrere Sprachen in Wort und Schrift, kennen sich mit Literatur und Philosophie aus und vieles mehr. Woher haben Sie das, obwohl Sie noch recht jung sind und nicht einmal einen Hauptschulabschluss haben?“ Die Antwort ist einfach. „Wer seine Sinne beieinander und keine zwei linken oder keine zwei rechten Hände hat und lesen kann, ist nicht nur zuweilen klar im Vorteil.

Während der Fahrt ließ mich Burggraf nicht aus den Augen. „So groß, dunkel und grobschlächtig wie Sie sind, kann man sich gar nicht vorstellen, dass Sie ‚ne Professionelle sind!“ Ich sagte nichts aber mir ging die Frage durch den Kopf, was er sich dachte, was ich seiner Meinung nach beruflich machen könnte. Burggraf reagierte auf meinen fragenden Gesichtsausdruck, indem er einfach weiter über das redete, was ihm Claudette über mich erzählt hatte. „Einer Ihrer Stammfreier hat Sie als Philosophin bezeichnet und Sie mit einer gewissen Gloria und einer anderen, äh, Heloise verglichen. Aber auch der hat wohl die Schnauze vom bloßen Philosophieren voll und kommt schon seit ‚nem halben Jahr nicht mehr. Was finden die Kunden an einer wie Ihnen?“ Als er diese Frage gestellt hatte, musste ich unwillkürlich grinsen und Fragen wie kleine, spitze Pfeile auf ihn loslassen. „Bei der Polizei gibt es doch bestimmt auch einige große, gestandene Frauen. Haben Sie sich noch nie vorgestellt, dass genau so eine sich mal richtig unterwirft und alles tut, was Sie wollen? Oder wollen Sie sich mal ‚ner Domina unterwerfen? Da macht doch ‚ne große, dunkle Frau richtig was her, Oder nicht?“

Er kam nicht dazu mir zu antworten, denn seine Kollegin parkte den Wagen ein. Wir gingen über den Parkplatz auf den Haupteingang des Präsidiums zu. Auch auf diesem Weg waren die Straßenlaternen so aufdringlich nah, dass der Zauber des Vollmondes nicht zur Geltung kam. Aber noch hielt die Kraft, die ich im Mondlicht getankt hatte, etwas vor. Mir fiel ein, wie gut es für mich gewesen war, dass Claudettes Aussagen über mich gesprudelt hatten wie ein Wasserfall. Sie hatte damit die Möglichkeit geschaffen, dass ich an meinen Kunden und väterlichen Freund Leo Weltz erinnert, der bis vor einem halben Jahr als Anwalt gearbeitet hatte und jetzt von seiner Kanadareise zurückgekommen sein müsste. Schließlich hatte er mir erzählt, dass er am 15. Februar wieder da sein wollte. Zufrieden stellte ich fest, dass ich seine Kontaktdaten von der Visitenkarte, die er mir gegeben hatte, noch ganz leicht in mein Gedächtnis rufen konnte.

Wenn man bedenkt, dass Samstagabend war, und das Verbrechen in Hohlburg nie schläft, ging alles, was auf der Wache zu tun war, schnell und gut voran. Kurz nach einundzwanzig Uhr war das Protokoll geschrieben und die erkennungsdienstliche Erfassung erledigt. Die Zellentür wurde hinter mir abgeschlossen. Ich war allein.

Nicht nur, dass es zu früh war, sich aufs Ohr zu hauen. Das Gefühl, dass man mich nicht lange hier halten würde und es sich deshalb nicht lohnte zu schlafen. Und ich wollte auf keinen Fall riskieren von irgend einem Fremden aus dem Schlaf gerissen zu werden, wie ich am Nachmittag plötzlich bewusstlos geworden war und am frühen Abend ebenso plötzlich wach, überwach geworden war, sodass Getriebensein die Folge sein musste. Auch in der Zelle des Polizeipräsidiums war das Licht des Mondes, der ruhig seine stille heitre Bahn zieht, nicht zu sehen. Gern wäre ich dem Lauf des Mondes wenigstens mit den Augen gefolgt. Aber ich schaffte es doch so ruhig in der Zelle hin und her zu gehen, ohne dass mich das weiße Licht der Straßenlaterne störte, die grell und aufdringlich durch die Gitterstäbe glotzte. Und auch das Gebrüll aus der Nachbarzelle schaffte es nicht meine Gedanken, Gefühle und Erinnerungen fest- und anzuhalten. Meine Füße gingen und meine Gedanken und Gefühle gingen auch. Alles ging seinen eigenen Gang. Von Gleichschritt keine Spur. Mal bestimmten die Füße die Gangart, mal die Gedanken und manchmal die Gefühle. Es ist eine gute Strategie, um sich zu erden. Aber man weiß nie, ob genug Zeit bleibt. Mich wundert immer noch, wie viel ich in den eineinhalb Stunden erlebte, was sich neu ordnete, und wie gut ich mich erden konnte. Es reicht wahrscheinlich für mehr als eine Nacht, und weil es jetzt drei Minuten vor zwei ist, geht es damit morgen weiter im Text.

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Etwas Blaues braucht die Fee

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